Einst heulte er wirklich mit den Wölfen. Wenn in klaren Nächten der Vollmond über dem Nationalpark Bayerischer Wald stand, dann hockte der Verhaltensforscher Eric Zimen inmitten seines Wolfsrudels, um die Reaktionen der Tiere aus nächster Nähe zu beobachten. Und wenn sein Rudel im Gatter einmal nicht mehr so recht spurte, dann scheute sich Zimen auch nicht, es mit eigenen Heultönen anzuspornen.

Jetzt hat der Verhaltensforscher den Bayerischen Wald verlassen, um im Auftrag des Umwelt-Bundesamtes die Ökologie der Füchse im Grenzraum zwischen dem Saarland und Frankreich zu erforschen. Seinen Lieblingswolf, den zehnjährigen "Alexander", nahm Zimen mit, weil er der beste Freund seines Hundes ist. Daß Zimen selbst auch kaum ohne einen Wolf in seiner Nähe leben kann, gibt der sympathische Forscher indes ungern zu.

Vor sieben Jahren kam der Schwede in den Bayerischen Wald, um damals im Auftrag von Konrad Lorenz das Leben der Wölfe zu erforschen – jener Tiere, über die sich hierzulande aus Grimmschen Märchen ein schauriges Feindbild aufgebaut hat. "Der Wolf ist für den Menschen böse, ein Ungeheuer, der Teufel in Person", sagt Zimen, der dies auch auf das Dritte Reich zurückführt. Damals wurde der Mythos des Wolfs als Rudelführer kultiviert, dem sich die anderen bedingungslos zum vermeintlichen Vorteil aller zu unterwerfen hatten.

"Der Wolf ist weder böse noch ein autoritärer Führer", weiß Zimen längst. Er faßte seine Erkenntnisse jetzt in einem Buch mit dem Titel "Der Wolf – Mythos und Verhalten" (Meyster-Verlag, München) zusammen. Immerhin beobachtete der Verhaltensforscher die Tiere, die ihn als "Leitwolf" anerkannten, nicht nur hinter dem hohen Zaun eines Geheges im Nationalpark. Vor sechs Jahren beauftragte ihn der World Wildlife Fund, eine Studie über die in den italienischen Abruzzen freilebenden Wölfe anzufertigen – für Zimen eine gute Gelegenheit, praktische Erkenntnisse zu seinem Traum von der Wiedereinbürgerung der Wölfe in mitteleuropäischen Wäldern zusammenzutragen. "Freilebende wilde Wölfe greifen den Menschen nicht an", sagt Zimen. Er ist sich sicher, daß der Wolf für den Menschen keine Gefahr darstellt, obwohl er bezweifelt, daß jemals wieder Wölfe in Deutschland frei herumlaufen werden.

Vom ökologischen Standpunkt wäre dies durchaus wünschenswert, denn: "Der Wolf spielt im Gleichgewicht der Natur eine wesentliche Rolle, die der Jäger beim besten Willen nicht übernehmen kann", sagt Zimen. Der Jäger kann seine Beute vor dem Schuß nicht bei einer Hetzjagd testen und feststellen, ob das Tier alt, krank oder verletzt ist. "Diese Aufgabe könnte in ökologischer Hinsicht der Wolf wieder übernehmen", meint Zimen, der die Wiedereinbürgerung des Wolfes aber davon abhängig macht, daß die Menschen zustimmen. "Solange das Image des Wolfes so schlecht ist, wird auch die Bevölkerung zum Großteil gegen seine Ansiedlung sein", vermutet der Forscher und meint, heutzutage sei die Einbürgerung des Wolfes vor allem ein soziales, ja sogar ein politisches Problem.

Zimen weiß, wovon er spricht. Als im Februar 1976 neun seiner Wölfe einen beim Schneeräumen entstandenen Hügel nutzten, um über den Zaunin die Freiheit zu springen, wurde im Bayerischen Wald beinahe der Notstand ausgerufen. Wenn auch einige Einheimische vorschlugen, die Gunst der Stunde zu nutzen und die Ausbrecher in den riesigen Wäldern an der bayerisch-tschechoslowakischen Grenze laufen zu lassen, brach doch bei den meisten sofort die "Rotkäppchen-Mentalität" durch. Man sah sich schon fast gefressen und machte deshalb gegen die Wölfe mobil.

Zuerst zogen nur die Jäger rudelweise mit geladenen Flinten ins Revier, dann schwärmten Grenzschutz und Bereitschaftspolizei feldmarschmäßig ausgerüstet zur Wolfshatz in den verschneiten Wald aus. Obwohl Hubschrauber die Luftbeobachtung besorgten und beinahe hinter jeder Tanne ein Funkgerät quäkte, mußten sich die tapferen Kämpfer erfolglos zurückziehen. Die Wölfe wurden später doch erlegt, von Jägern, denen das letzte freie Tier im vorigen Winter auf böhmischer Seite vor die Büchse lief. Für Zimen bedeutete es "die größte Enttäuschung" seiner Zeit im Bayerischen Wald, daß die Wölfe erschossen worden, obwohl sie sich relativ vernünftig verhielten und in der freien Wildbahn sogar sehr gut einlebten.