Von Hans Wassmund

Zu den drei Hauptrichtungen der Auseinandersetzung mit weltpolitischen Problemen liegen inzwischen grundlegende Einführungen vor. Zuerst genannt sei

Gottfried-Karl Kindermann (Hrsg.), Grundelemente der Weltpolitik, Piper Verlag München, 395 S., 19,80 DM.

In diesem Band wird der Versuch einer Neubegründung des einflußreichen, mit dem Namen Hans J. Morgenthau eng verbundenen und um die Aufdeckung von Macht- und Interessenstrukturen bemühten "realistischen Theorieansatzes" der internationalen Politik unternommen. Der Herausgeber erläutert in einem Einleitungskapitel das Wissenschaftsverständnis und die Methodik, der die aus der "Münchner Schule" stammenden Autoren folgen.

Danach wird eine "von geschichtlichen Erfahrungen abgeleitete und praxisorientierte Form der Forschung" angestrebt; es besteht die Verpflichtung "zur Theoriebildung und Aussagen an Hand gleicher Maßstäbe ohne Rücksicht auf parteipolitische Dogmen"; die "primäre Orientierung an Tatsachen und Kausalitäten" bedeutet dabei keineswegs den Verzicht auf eigene Wertung.

Indessen wird in den Beiträgen des Herausgebers viel Altbekanntes wiederholt: die Definitionen von Macht, die Rolle von Ideologien und die Bedeutung von Interessen in der internationalen Politik. Die synoptische Zusammenschau der Politikwissenschaft wird wiederbelebt, die Trias der sozialwissenschaftlichen Theorieansätze noch einmal erläutert, eine "zwischenstaatliche Konstellationsanalyse" mit sechs verschiedenen politischen Aktionsebenen als grundsätzliche Neuerung angeboten und – etwas offenbar Unerhörtes konstatiert – nämlich Diskrepanzen zwischen dem ideologischen Anspruch von Einzelstaaten und ihrem außenpolitischen Verhalten. Auch wird Verständigung nur schwer erreicht, wenn immer wieder von "Wirkungsmächtigkeit" die Rede ist, "motivationale Mehrdimensionalität" festgestellt wird und "multimethodisch und multiperspektivisch erarbeitete Analysen systemsicher, funktionaler und psychologischer Determinanten der Konstellation" von Bedeutung sein sollen.

Immerhin werden mit Aufsätzen zur Sicherheits- und Rüstungspolitik, zur zwischenstaatlichen Krisenproblematik, Entwicklungspolitik und zum Imperialismus auch Bereiche abgehandelt, die seit Jahren in der wissenschaftlichen Diskussion kontrovers und politisch aktuell sind. Bei dem Beitrag "Strukturen und Motive des Imperialismus" fällt allerdings auf, daß nur auf je knapp einer Seite der Imperialismus der Sowjetunion, der Vereinigten Staaten und Chinas abgehandelt wird und bestimmte wichtige Autoren lediglich in der Auswahlbibliographie auftauchen. Dem Nord-Süd-Konflikt wird gerade noch eine ganze zusammenhängende Seite gewidmet. Statt dessen wird man ausführlich über die österreichische Neutralität informiert, lernt die Lehrmeinungen zu Fragen der Souveränität kennen und erfährt etwas über den Wandel des Berufsbildes von Diplomaten. Mit diesem Band können die Münchner Neo-Realisten die bei Wissenschaftlern mit anderer Ausrichtung so vehement verurteilte politische Einseitigkeit, dogmatische Fixiertheit und perspektivische Begrenztheit kaum überwinden.