"Der Tod und das Flugzeug", Prosa, Essays, Gedichte von Niklas Stiller. Pennäler müssen sich in "Vorgangsbeschreibungen" Arbeiten, die sie sonst wie nebenbei verrichten würden (etwa das Putzen ihres Fahrrads), als Abfolge kleinster Schritte bewußt machen und protokollieren, Schreibt man nicht nur vom Fahrradputzen, Autowaschen oder Kuchenbacken, sondern auch vom Tod eines Menschen in Form einer Vorgangsbeschreibung, wird der Sterbefall Statistik, das Ende ein amtlicher (also profaner) Vorgang, Mit einem solchen Todesprotokoll (Zusammenbruch, Notarzt, Intensivstation, Sektionssaal, Begräbnis, Auflösung) beginnt Stiller seine Sammlung von Texten, und genauso läßt er sie auch zu Ende gehen. In der Wiederholung desselben Sterbefalles zum Schluß des Buches schiebt allerdings kein "Du" mehr den Tod einem anderen zu. Der Autor selber stirbt, der Leser stirbt: "In der Zeit vor dem Begräbnis hatten Fliegen die Möglichkeit, Eier abzusetzen, vor allem in meine Körperöffnungen, in Mund und Nase, an die Augenlider, an After und Vorhaut sowie an die vernähten Hautschnitte. Inzwischen sind Maden ausgeschlüpft..." Doch der 1947 geborene, approbierte Arzt Niklas Stiller ist kein neuer Gottfried Benn. Seine Texte sind Gebrauchstexte über seine Versuche, ein Arzt zu sein, kein "Gott in Weiß". Er beschreibt seine Unsicherheiten und Ängste (beim einsamen Nachtdienst in einem Provinzkrankenhaus), gesteht seine Bedenken dem eigenen Geschäft gegenüber (bei der Erinnerung an eine Urlaubs-Vertretung in der Praxis eines Allgemeinarztes) oder erinnert sich an Alpträume (vom volltechnisierten Krankenhausbetrieb eines "Sanomatic-Center"). Ein Buch, das am besten in Wartezimmern ausliegen sollte! (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1978; 105 S., 8,– DM) Helmut Schödel

"Gleich morgen", Gedichte von Rudolf Langer. Der Neske Verlag, der immer mehr zu einem Sammelplatz lyrischer Begabungen wird, die sich (wie etwa Harald Hartung und Dieter Hoffmann) zwischen Moden und Gruppen als Einzelgänger zu behaupten versuchen, legt: den Lyrikband von Rudolf Langer vor. Das erste Buch ("Ortswechsel", 1973) erschien noch bei Bläschke. Langer, der erst im Alter von fünfzig Jahren als Buchautor in Erscheinung trat, fand sofort die Zustimmung der Kritik oder, genauer gesagt, des bürgerlich-konservativen Teils der Kritik. Wie Rainer Malkowski, ein anderer Outsider und Spätkommer, breitet Langer sinnliche Erfahrungen und Gefühlsassoziationen frisch und umstandlos aus. Er präsentiert sich hierdurch als ein quasi neobiedermeierliches Pendant zu den gesellschaftsempirischen Lyrikern der Studentengeneration, den sogenannten Neuen Sensibilisten: "Erloschen die Dörfer / aus der Jugend, die Stuben / erloschen, die Lampen alle, / die im Dunkeln aufleuchten / mit meiner Munterkeit..." Langer memoriert ebenso die (ihm im Heimweh immer grün erscheinenden) Wälder des schlesischen Oderlandes, wie er sich offen zeigt für Naturerscheinungen und Eindrücke aus unserem bundesrepublikanischen Alltag, dem er mit dem behutsamen Spott des Empfindsamen zuleibe rückt. Freilich bleibt auch da, wo der Autor Vorbehalte anmeldet, eine Neigung zum Beschwichtigen bestehen, mitunter auch zum Versionen: "Silber fällt aus dem, Licht / aufs Parkett, / über rosarotes Lächeln..." Langer deutet mit fragiler Sprachgebärde auf die Versehrungen einer Welt, die gewiß nie mehr zur guten alten Welt zusammenheilen wird, weil, vom Lyriker durchaus erkannt, über den Resten ihrer fin-de-sièclehaften Sonntäglichkeit längst die Giftwolken der Chemie aufgezogen sind und weil hinterm Horizont europäischen Kunstwollens die Geduld zu Ende geht "bei den Baumwollpflückern, ganz ohne Ästhetik". (Verlag Günther Neske, Pfullingen, 1978; 94 S., 14,80 DM.) Hans-Jürgen Heise

"Der letzte Biß", von Otto Jägersberg. Seine Bücher haben hohe Auflagen, sind Verkaufs-, keine Rezensionserfolge. Warum? Jägersberg meidet Moden. Nichts von "Tod der Literatur" oder "Neue Innerlichkeit". Was er schreibt und literarisch in den letzten Jahren in verschiedenen Genres fortzuentwickeln versuchte, könnte man als "psychologisch sozialkritischen Realismus" nennen. Seine Geschichten sind gradlinig geschrieben. Er versteckt sich in einer seiner Spielfiguren: Aus dieser Perspektive wird das gesellschaftliche Drum und Dran beschrieben im Verhältnis zum individuellen Innenraum. Es gibt für mich in seinem neuen Band keine Geschichte, wo ich nicht lachen möchte, wenn es mir nicht im Hals steckenbliebe – "hintergründig" wird diese Art von Witz genannt. Dabei, das ist die Gefahr, läßt sich Jägersberg keine Gelegenheit zu Situationskomik entgehen, er kann auf keine Pointe verzichten. Er läßt jedoch auch keine Möglichkeit passieren, programmierte Lese-Erwartungen zu demontieren. Jägersberg schreibt eine Sprech-Prosa, mit stark dialogischen Mitteln durchsetzt, auch wenn es sich, vordergründig, um Monologe handelt (wie den der plappernden Dorfschranze in "Hosenanzüge"). (Diogenes Verlag, Zürich, 1977; 233 S., 22,80 DM.)

Peter Roos

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"Die verlorene Einheit – Haus und Landschaft zwischen Alpen und Adria", von Kristian Sotriffer. Das schön gemachte Buch ist verlockend durch viele gute Photos. Sie zeigen ländliche Architekturen, Bauernhäuser, Heuhütten, Holzbrücken, Dächer, Mauern, auch zusammen mit der Landschaft, in der sie entstanden und noch vorhanden sind. "Die Bilder", schreibt der Autor, "vermitteln einen Reichtum, der uns unter den Fingern zu zerrinnen droht." Das ist der Angelpunkt des Autors: Seine Furcht um den Bestand und die selbstverständliche Eintracht von Haus und Natur. Nur versteht er es vom ersten Kapitel an, den neugierigen Leser zu verwirren: weil er eine auffallende Neigung hat, Schlimmes zu behaupten, ohne es wirklich zu beweisen. Sein Lamento und eine Anzahl wild gepflückter Zitate sind seine Belege, und das ist zuwenig. Leider hat Sotriffer auch Schwierigkeiten, sich mitzuteilen. Er findet viele hohle, parolenhafte Sätze, viele Gemeinplätze, unbeholfene Formulierungen. Und – der Autor ist sentimental: Die Maschine ist unser Übel, sie macht alles, die Natur und uns, kaputt, wenn wir nicht aufpassen. Das ist ja nicht falsch, aber altbekannt. Es jammernd zu bemerken, reicht nicht. (Verlag Gerd Hatje, Stuttgart, 1978; 160 S., Abb., 68,– DM) Manfred Sack