Bremen: "Beispiele realistischer Plastik heute"

Wer sollte hier eigentlich an der Nase herumgeführt werden? Die Veranstalter, die Kunsthalle und der Senator für Wissenschaft und Kunst, wissen doch sicherlich selber ganz genau, daß der Begriff nicht stimmt: Realistisch ist unter den 21 Plastiken das wenigste, gegenständlich alles. Das Abstrakte (Absolute) ist abwesend. Da sind viele Beweise gegen die Realismus-Behauptung. Joachim Schmettaus "Auseinandersetzung" zum Beispiel ist von Realistik ungefähr ebenso weit entfernt wie Richard Haizmanns Arbeiten der zwanziger Jahre. Lutz Brockhaus’ "Schwangere" ist von Realistik, die ja immer an Detailnähe orientiert ist, abgewichen in Richtung einer idealisierenden Vereinfachung. Klaus Kütemeiers "Stehende weibliche Figur" erinnert in ihrem frontalen und symmetrischen Aufbau an klassischen ägyptischen Stil. Gerhard Gerkens hat das in seiner ausgezeichneten Interpretation im Katalog keineswegs vertuscht. Edgar Augustins "Torso einer Springenden" ist in der Volumina und Raum bewältigenden "Strategie" um Realistik, die auch das abbildende, nachäffende Moment integriert, erfreulich unbekümmert. Am ehesten sind Karl-Henning Seemanns "Auseinandersetzung" und Karl-Heinz Biederbicks "Arbeiter mit Preßlufthammer" geeignet, den Begriff Realismus für die Ausstellung zu retten. Man ist bei Biederbick versucht, von "sozialistischem Realismus" zu sprechen. Aber das wäre ungenau. Wenn man bemerkt, daß zum Beispiel Nase, Augen, Hände doppelt geformt sind (wie sie, in der Realität, bei der schnellen, ruckhaften Bewegung nicht an einer Stelle, sondern hier und dort zugleich gesehen werden), muß man von "sozialistischem Impressionismus" sprechen, Siegfried Neuenhausens "Bürger" ist dagegen ganz etwas anderes und auch nicht einfach Realismus. Er ist eine Figur mit (wirklichem) Mantel Und (wirklichem) Tuch über dem Kopf. Er steht, als ob er telephonieren wolle, in einer Telephonzelle der Bundespost. Da ist quasi der Photorealismus derMalerei in die Bildhauerei fortgesetzt: ein illusionistisch sich gebärdender Eulenspiegel-Realismus. Die Ausstellung, an der sich vierzehn deutsche Bildhauer beteiligt haben und die glücklicherweise (auf internationaler Ebene) fortgesetzt wird, ist das Verdienst vor allem des Kunsthallendirektors Günter Busch. Sie hat gleich zu Anfang einen Anonymus zu einem nächtlichen Gewaltakt provoziert. Irgend jemand hat der männlichen Figur der zweiteiligen "Auseinandersetzung" Schmettaus den um Naturalistik nicht ganz unbekümmert geformten Penis, ein Gebilde aus Carara-Marmor, abgeschlagen und die Figur umgestürzt. (Wallanlagen an der Kunsthalle bis 31. Oktober, Katalog 1 Mark.) René Drommert

Freiburg: "Kreuz"

Zwei Linien, die sich im rechten Winkel überschneiden, bilden ein Kreuz. Dieses vieldeutige, zu künstlerischen Experimenten herausfordernde Zeichen steht nicht im Blickpunkt der Kreuz-Ausstellung in der Städtischen Galerie im Schwarzen Kloster, gemeint ist vielmehr das christliche Kreuz als Sinnbild des Opfers und der Erlösung. Im Rahmen des 85. Deutschen Katholikentages in Freiburg hat die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst diese Ausstellung inszeniert 1893, am Ende des Bismarckschen Kulturkampfes, wurde sie mit dem Ziel gegründet, sich von Historismus und Nazarenerkunst zu lösen und analog zum neuen Bauen und Bilden um die Jahrhundertwende auch die christliche Kunst zu erneuern. Die Gesellschaft mit tausend Mitgliedern, davon dreihundert nichtkatholischen, hat heute ihren Sitz in München, wo sie eine Galerie unterhält. Sie gibt die einzige deutsche Zeitschrift für christliche Kunst heraus: Das Münster. Verantwortlich zeichnet Hans H. Hofstetten Chef des Freiburger Augustinermuseums, der die Freiburger Ausstellung aufgebaut hat. "Eine christliche Gemeinde ist kein Kunstverein, und dementsprechend können bloße formalistische Lösungen ohne Fundament im Glauben nicht akzeptiert werden, auch wenn sie an Qualität den Arbeiten der profanen Kunstszene nicht nachstehen", rechtfertigt er die strenge Auswahl von hundert Arbeiten zum Thema. Pluralistisch ist sie auf jeden Fall. Vom Korkschnitt-Kreuzweg von HAP Grieshaber, einem Kreuzgemälde von Georg Meistermann, Kreuzzeichnungen von Johannes Schreiter bis hin zum provokanten "Gekreuzigten Jesus" mit rostiger Stacheldrahtkrone des Mataré-Schülers Franz Gutmann oder etwa dem magischen Tableau "Zelt mit Kreuz und Kreuzfahne" des Berliners Jobst Meyer sind Kreuzdarstellungen in fast allen Techniken, Materialien und Stilen zu sehen. Noch keinen Platz hat das Photo in der christlichen Kunst gefunden. Es fällt auf, daß Konstruktivismus, Tachismus und Minimalart dominieren. Nachexpressionistische Darstellungen, die sich lange im sakralen Raum behaupteten, sind verschwunden. Rar sind realistische Exponate wie die "Kreuzigung" des Münchners Emil Scheibe; inmitten einer Großstadt vor Banken und Selbstbedienungsläden, zwischen Weißem Riesen, König Fußball und Jesus Superstar findet sie statt. Die besten und auch meisten Äußerungen zum Thema zeichnen sich durch Stille und Verhaltenheit aus, haben Meditationscharakter. (Städtische Galerie bis 24. Oktober, später in Bremerhaven und Mainz, 1979 in Nürnberg zum Evangelischen Kirchentag, Katalog: Münder-Sonderheft 12 Mark) Christa Spatz

Stuttgart: "Alfred Lörcher"

Man hat ihn einen schwäbischen Maillol genannt, und das war nicht falsch, sofern man das Spätwerk ausklammerte. Lörchers Altersstil bedeutete den Bruch mit seinem früheren Schaffen, am eindrücklichsten sichtbar in der Ablösung der in sich ruhenden Einzelfigur durch bewegte Gruppen. Die 1962 auf der Biennale in Venedig postum gezeigte Werkübersicht (der Künstler war wenige Monate zuvor, im Alter von 87 Jahren, gestorben) hat durch die Beziehungen des Spätwerks zur aktuellen Kunst überrascht: die offene Komposition und die Verwendung serieller Elemente gehörten auch zu Lörchers Mitteln. Zukunftsweisender waren allerdings seine kleinformatigen Gruppendarstellungen, Der Bildhauer hat hier Gesehenes gestaltet, Momentaufnahmen aus dem Alltag – eine Diskussion im Park oder das Ritual einer Konferenz – und symbolisch überhöhte Szenen – Menschen in panischer Flucht und andere, bestürzt durch das Erscheinen eines Menetekels. "Alles dies sind Geschehnisse", so der Künstler, "die in der Zeit liegen, Gegenwart spiegeln." Alfred Lörcher hat sich mit der Situation des Menschen in der Massengesellschaft beschäftigt und darüber in bildkräftigen Reliefs und Kleinplastiken berichtet. Seine Kunst war an der Wirklichkeit orientiert, sie war jedoch nicht realistisch. Eine leichte Unschärfe charakterisiert diese Darstellungen – die Masse Mensch ist nicht mehr exakt zu beschreiben. (Staatsgalerie, bis zum 24. September, Katalog 22 Mark).

Helmut Schneider