• Herr Biermann, Sie haben sich in den Betriebsratswahlkampf bei Daimler-Benz in Untertürkheim eingeschaltet und zugunsten der gewerkschaftsoppositionellen Gruppe Hoss/Mühleisen ein Konzert gegeben. Warum ergreifen Sie die Partei dieser Gruppe? Biermann; Ich ergreife Partei für die ausgeschlossenen Gewerkschafter Hoss und Mühleisen, eine Gruppe, die sich selbst nicht versteht als Opposition gegen die Gewerkschaft; sondern die in ihre jetzige Situation geradezu gedrängt wurde durch undemokratische Praktiken im Zusammenhang mit den Betriebsratswahlen bei Daimler-Benz. Die Gruppe hat aus ganz konkreten Mißständen in der Gewerkschaftsarbeit bei Daimler-Benz die Konsequenzen gezogen.

Es ging um die Frage, in welchem Maße die unmittelbaren Produzenten, die Arbeiter selbst, Einfluß haben können auf die Auswahl der Kandidaten für die Betriebsratswahl. In dieser Frage gab es einen ernsten. Streit. Nach dem ganzen Wahlbetrug, wer immer ihn begangen haben mag, nach der bitteren Lehre, die die IG-Metall-Funktionäre von Daimler-Benz haben hinnehmen müssen durch die erstaunlichen Erfolge der Gruppe Hoss/Mühleisen, haben sie sich dazu durchgerungen, eine Urwahl durchzuführen. Damit ist ein ganz wesentlicher Punkt der berechtigten Kritik von seiten der Gruppe Hoss/Mühleisen hinfällig geworden, falls die IG Metall bei Daimler-Benz es dabei bleiben läßt. Das heißt, falls diese demokratische Neuerung nicht bloß eine taktische Pose war, die bald wieder fallengelassen wird.

  • Das Ziel von Willi Hoss und seiner Gruppe ist es ja immer noch, wieder in die IG Metall zurückzukehren. Biermann: Ja, das finde ich sehr vernünftig und sehr sympathisch.
  • Könnte Hoss nicht außerhalb der Gewerkschaft mehr bewirken?

Biermann: Ich glaube, daß die Gewerkschaftsfunktionäre recht haben, wenn sie die Einheit der Gewerkschaft verlangen. Aber diese Einheit kostet auch etwas, nämlich daß man innerhalb der Gewerkschaft Demokratie hat. Denn sonst ist diese Einheit nur die Einheit eines Kartoffelsackes und der Frieden in der Gewerkschaft nur ein Friedhofsfrieden.

  • Glauben Sie, daß durch Ihren Einsatz für Hoss die Fronten noch weiter verhärtet worden sind, oder könnte Ihr Einfluß bewirken, daß Hoss in die Gewerkschaft zurückkehren kann? Biermann: Ich bilde mir nicht ein, daß ein einzelner Mensch, noch dazu ein Sänger, auch wenn er ein politischer Sänger ist, so etwas bewirken kann. Ich kann so etwas höchstens befördern oder behindern. Aber ich hoffe sehr, daß diese beiden Gruppen zum beiderseitigen Nutzen wieder zusammenkommen. Die Gewerkschafter, die hier bei Daimler-Benz glauben, sie müßten eine Schlacht liefern gegen diese andersdenkenden Arbeiter, die sollten sich überlegen, ob es nicht mehr menschliche Größe und politische Vernunft bedeuten würde, wenn sie das Herz hätten zu sagen, jawohl, wir haben in der Vergangenheit gesündigt gegen die Demokratie innerhalb der Gewerkschaft. Wir sind nicht so verknöcherte, hoffnungslose Trauergestalten, wir sind fähig, daraus die Konsequenzen zu ziehen und diese Arbeiter, die uns und der Gewerkschaft eigentlich einen Dienst erwiesen haben, wieder aufzunehmen.
  • Zur IG Metall haben Sie ja ein besonderes Verhältnis, denn diese Gewerkschaft war es, die Sie vor zwei Jahren zu Konzerten eingeladen hat und damit den Anlaß für Ihre Ausbürgerung aus der DDR gab. Hat sich Ihre Einstellung zur IG Metall innerhalb dieser zwei Jahre verändert?

Biermann: Ich werde es den Linken innerhalb der Gewerkschaft niemals vergessen, daß sie sich so solidarisch mir gegenüber verhalten haben damals. Ich werde es aber auch den Rechten in dieser: Gewerkschaft nicht vergessen, daß sie ihren eigenen Linken dafür die schwersten Vorwürfe gemacht haben.

  • Die Ortsverwaltung der IG Metall in Stuttgart hat Ihnen vorgeworfen, Sie hätten sich nicht vollständig informiert. Haben Sie mit der IG Metall in Stuttgart über die Geschehnisse bei Daimler-Benz gesprochen?

Biermann: Ich will sehr gern mit den verantwortlichen Funktionären der IG Metall in Stuttgart sprechen. Nur, sie haben sich mir gegenüber genauso verhalten, wie die ganze IG Metall seit eineinhalb Jahren. Nämlich: Sie haben mich absolut weder zu Diskussionen noch zu Konzerten eingeladen. Ich finde es schon bedenkenswert, daß einige Funktionäre der IG Metall jetzt glauben, mir Vorwürfe machen zu müssen, weil ich für die keineswegs gewerkschaftsfeindliche Gruppe HQSS/Mühleisen singe, obwohl sie doch wissen müßten, daß die Linken innerhalb der Gewerkschaft es bis heute nicht mehr wagen konnten, mich zu öffentlichen Konzerten einzuladen. ms