Richard von Weizsäcker sitzt in einem Büro im Berliner Reichstagsgebäude. Die CDU CSU Bundestagsfraktion tagt wieder einmal in dem Kuppelbau, in dem sich das Telephonfräulein unbefangen mit "Deutscher Bundestag" meldet. Das kurzfristig bezogene Büro sieht aufgeräumt aus, ohne jede Spur von Abnutzung, ohne jede persönliche Atmosphäre. Bei Richard von Weizsäcker, dem CDU Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahlen in Berlin am 18. März nächsten Jahres, wird sich das wohl bald ändern. Er sucht eine Wohnung, will mit der Familie nach Berlin ziehen, behält zwar sein Bundestagsmandat, strebt aber auch einen Sitz im Abgeordnetenhaus an. Wenn seine Partei die Wahlen gewinnt, wird er Regierender Bürgermeister von Berlin.

Das Presse Echo inner- und außerhalb von Berlin war fast ausnahmslos positiv, als bekanntwurde, der Berliner CDU Vorsitzende Peter Lorenz trete zugunsten von Weizsäcker einen Schritt zurück. Man hat Lorenz nicht dazu überreden müssen; aber einige Parteifretinde haben ihm nahegelegt, daß eine solche Entscheidung — wenn überhaupt — dann jetzt getroffen werden müsse. Im Sommerurlaub ging Lorenz mit sich zu Rate. Vier Unionspolitiker standen zur Wahl; der Kommentatoren und Politiker, mit von Weizsäckers Hilfe hätte die CDU die Wahl praktisch schon gewonnen. Das ist übertrieben. Aber zum erstenmal hat sie in Berlin eine reelle Chance. Wenn es ihm gelingt, sich in wenigen Monaten hier bei jedermann bekannt zu machen, ist Richard von Weizsäcker wohl ein Mann, der den Berlinern gefallen wird: Ein ruhiger, nüchterner, selbstsicherer Politiker, der im Gespräch nicht auf Stichworte wartet, urn zu filibustern (wie Klaus Schütz), sondern der zuhört und überlegt, was er antworten wird. Es klingt eia wenig theoretisch, was er zu seinem Berlin Engagement sagt; aber noch kann er ja nicht alle Windungen und Details der Berliner Tagespolitik kennen. Wird ihm also bei den vielen Hoffnungen, die an seine Kandidatur für Berlin geknüpft wurden, nicht ein bißchen bange? "Wenn ich nicht mit großer innerer Überzeugung an die Sache, herangegangen wäre, dann hätte ich auch nicht die nötige Zuversicht, die man braucht. Ich glaube, die Reaktion ist gar nicht primär oder gar nicht individuell mit meiner Person verknüpft. Sondern die Tatsache, daß aus der Führungsgruppe der politischen Parteien nun mal wirklich einer von Bonn nach Berlin geht, nach so vielen umgekehrten Beispielen, hat vielleicht einen gewissen Eindruck gemacht, und das ist ja auch damit beabsichtigt. Ich betrachte das als meine Lebensaufgabe und tue es, weil ich davon überzeugt bin, daß ich auch auf die Bundespolitik auf diesem Wege meinen Einfluß vergrößere " Aber nun gibt es in Berlin eine CDU, der es bisher nicht gelungen ist, die Mehrheit der WestBerliner von ihren Führungsqualitäten und programmatischen Aussagen zu überzeugen. Eine froße Zahl ihrer Spitzenleute gilt als rechts oder onservativ — übrigens nicht immer zu Recht. Doch die CDU schafft es nicht, ihre fast zwangshafte Verwechslung von Opposition mit "Negation aufzugeben. Nun kommt da einer, dem das Schild "liberal" angeklebt wird, und schon werden die Wahlchancen der Partei vollkommen anders beurteilt. Prognosen für die Wahlen möchte Weizsäcker nicht wagen, auch keine Aussagen über mögliche Koalitionen machen. Wieder weicht er m die Bescheidenheit der ersten Antwort aus, von seiner Person erst einmal abzusehen: "Die Zustimmung, auf die diese Entscheidung gestoßen ist, halte ich gar nicht in erster Linie für parteipolitisch motiviert. Es hat ja auch Stimmen aus anderen Parteien gegeben, die darauf hinweisen, daß es Berlin im ganzen zugute kommen könnte. Meine Aufgabe in Berlin ist ja nicht die CDU, meine Aufgabe ist Berlin "

Ein Berliner Wähler, der Richard von Weizsäcker als Regierenden Bürgermeister sehen möchte, muß freilich doch die CDU wählen, so wie sie ist, bereichert um den Spitzenmann aus 3k>nn. Im Abgeordnetenhaus hat die FDP vorige ""Woche erklärt, daß zwischen einem Richard von Weizsäcker und dem nicht selten scharfmacherischen Fraktionsvorsitzenden Heinrich Lummer offenkundig erhebliche politische Unterschiede liegen. Das trifft wohl zu. Aber anders als etwa die SPD oder gar die FDP ist die CDU kaum gewillt, solche Gegensätze offen auszutragen. Die Chance, nun doch einmal in Berlin Regierungsverantwortung zu übernehmen, zwingt zu Geschlossenheit und neuem Elan. Darauf baut auch Weizsäcker, wenn er sagt: "Daß eine Partei sich im Wahlkampf stärker zusammenschließt als sonst ist ein ebenso legitimer wie natürlicher Vorgang. Es wird keine Schwierigkeiten bereiten, in der Union an einem Strang zu ziehen. Davon können alle Interessierten und alle politischen Gegner mit Sicherheit ausgehen "

Die Einteilung der Berliner CDU Politiker in konservativ und weniger konservativ will Weizsäcker ohnehin nicht mitmachen. Aber selbstverständlich, sagt er, "wird die Berliner Union nun nicht durch sein Hinzutreten vollkommen anders. Danach kommt er auf den eigentlichen Grund für die Zustimmung, die seine Kandidatur gefunden hat, und auch für die Taktik, die dahinter steckt, zu sprechen: "Ich glaube nicht, daß es bei der großen Zahl von nichtentschiedenen wahlberechtigten Bürgern in Berlin die Hauptrolle spielt, ob sie nun diese Partei für besser und liebenswürdiger halten als jene. Was ich aber glaube, ist — gerade wnn man immer von der Lebensfähigkeit in Berlin spricht —, daß man versteht: Lebensfähigkeit hängt von der Kraft zur Erneuerung ab. Was Berlin zur Lebensfähigkeit braucht und was das Grundgesetz der Demokratie ist, der Wechsel in der Verantwortung, fällt glücklich zusammen. Und dabei kommt es natürlich darauf an, ein hinreichendes Zutrauen zur Qualität der Regierungsarbeit der neuen Partei zu haben "

Das Wählervertrauen in die Kraft der Erneuerung, von dem Weizsäcker spricht und auf das er baut, kann aber wohl nicht entstehen, wenn die Berliner CDU nicht überzeugende Alternativprogramme vorlegt. Bisher sahen Wahlkämpfe in Berlin so aus, daß die Landesparteitage aller Gruppen zwar lange Listen mit Zielen, Wünschen und Hoffnungen verabschiedeten, daß in Wahlreden und Plakatwerbung aber vor allem an die Emotionen der Wähler appelliert wurde. Die schönen Programme sollten das Gewissen des Parteivolks beruhigen — und erreich , ten den Wähler nur selten. Die Bürger glaubte man eher mit Allgemeinplätzen und Sprüchen wie "Aus Verantwortung für Berlin" gewinnen zu können.

Weizsäcker sucht nun, wie er sagt, die Auseinandersetzung über Standpunkte. Zu Einzelheiten will und kann er noch nicht Stellung nehmen; das bleibt auch der. Ausarbeitung eines Programmpapiers gemeinsam mit der Berliner CDU vorbehalten. Aber im Zentrum der Überlegungen des neuen Spitzenkandidaten steht die. Überzeugung, daß man den Berlinern mehr Zuversicht geben müsse, nicht mit Hilfe unrealistischer Hoffnungen, sondern logisch begründet und sachlich fundiert.

"Es ist eine einsehbare Erkenntnis, daß wir sowohl für unsere nationalen als auch für unsere europäischen und für die Ost West Fragen von der Gesundheit und von den Beiträgen Berlins wesentlich abhängen. Es ist wirklich im Interesse der Deutschen und der Europäer in West und Ost, daß Berlin ein blühende Zentrum ist. Dieser Erkenntnis stehen Schwierigkeiten im Lebensgefühl gegenüber, die auch verständlich sind, und die es durch diese Erkenntnis ins Positive zu wenden gilt. Natürlich ist dies noch kein konkretes Programm. Aber um dafür einen Beitrag zu leisten, daß Berlin für die Deutschen und für die Europäer von so entscheidender Bedeutung ist, bin ich ja nach Berlin gekommen " Zu dem schon arg strapazierten Stichwort von Berlin als nationaler Aufgabe, sagt Weizsäcker, dies sei nicht nur eine emotionale Formulierung. "Wer Deutschlandpolitik, Ostpolitik, Europapolitik macht, der stößt immer wieder an den Punkt, daß Berlin einen entscheidenden Stellenwert hat. In allen Verhandlungen und Vorschlägen kann man leicht entdecken, daß Berlin ein Schlüsselpunkt ist. Und deswegen verändere ich nicht meinen Standpunkt, sondern nur meinen Standort "