Strafvollzug

Von Reinhard Wetter und Helmut Ortner

Frau L. 43 Jahre alt, ausgebildete Krankenhelferin, hat vier Kinder und ist verheiratet. Doch seit über zwei Jahren ist ihr Mann weg, zwei ihrer Kinder sind in einem Heim, vormittags geht sie putzen. Sie selbst sagt von sich: "Ich mach ’s nicht mehr lange, meine Nerven und meine Gesundheit sind am Ende! Unsere alte Wohnung ist weg, das Geld reicht hinten und vorne nicht, ich weiß nicht mehr wie das weitergehen soll!"

Ein typischer Fall, der nach staatlicher Hilfe verlangt. Doch der Staat hatte bereits vor zwei Jahren in das Leben der Familie L. eingegriffen: Herr L. wurde wegen Beteiligung an einem Raub zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die er nun in einem Gefängnis in der Nähe einer hessischen Großstadt absitzt. So wurde der Gerechtigkeit genüge getan, doch gleichzeitig wurde das Leben von vier weiteren Menschen radikal verändert. Als der Vermieter von der Verurteilung durch die Zeitungen erfuhr, weigerte er sich, den Vertrag zu verlängern und setzte schließlich durch, daß Frau L. mit ihren vier Kindern ausziehen mußte. Sie hätte ohnehin nicht mehr gewußt, wie sie die Miete zahlen sollte. Wohnungs- und Sozialamt wiesen ihr dann eine Wohnung zu: zwei kleine Zimmer und eine Küche für fünf Personen. Eine sogenannte "Übergangswohnung".

"Nur zum Übergang", so tröstete sie auch der Sachbearbeiter beim Sozialamt, doch Frau L. sitzt heute noch in dieser Unterkunft und wird auch noch mindestens die nächsten zwei Jahre, bis ihr Mann entlassen wird, dort bleiben. Ausbaden mußten diese Situation die schwächsten der Familie, die Kinder. "Wir hüpften uns hier ja gegenseitig auf den Füßen herum. Da kam der Große erstmal in eine Lehre, in eine Fabrik mit Lehrlingsheim, wo er jetzt wohnt. Der zweite Junge ist auch im Heim. Beide hatten unheimliche Schwierigkeiten, sich einzugewöhnen. Der Leiter der Lehrlingsausbildung hat mir schon zweimal einen Brief geschrieben, daß der Junge immer Zicken machen würde. Der läßt sich halt nichts sagen und seit der Geschichte mir meinem Mann ist er besonders bockig."

Zurück blieben die beiden jüngsten, zwei Mädchen. In der Schule wurden ihre Leistungen immer schlechter, eine blieb sitzen. "Konzentrationsschwäche", "Unaufmerksamkeit", "mangelnder häuslicher Fleiß" nennt es die Lehrerin. In der Schule weiß man, daß es sich um eine "zerrüttete Familie" handelt, um "asoziale Verhältnisse", in denen die Kinder aufwachsen. So erklärt man die schlechten Leistungen, Versagen und störendes Verhalten, aber man ändert nichts. Im Gegenteil, derartige soziale Verhältnisse schaffen Vorurteile: Von diesen Kindern ist sowieso nicht viel zu erwarten. Ihr Fehlverhalten wird verstärkt beobachtet, verstärkt geahndet, kurzum sie werden immer "auffälliger", immer weiter in die Rolle des Versagers, Außenseiters gedrängt.

Kinder und Familie: isoliert