Die Selbstverbrennung des Pfarrers Rolf Günther in der DDR ist anscheinend kein zweiter Fall Brüsewitz. Pfarrer Günther hatte nach allem, was bisher bekannt ist, religiöse und persönliche Motive für seine Tat. Pfarrer Brüsewitz, der sich im August 1976 vor der Michaels-Kirche in Zeitz verbrannte, wollte gegen die Kirchenpolitik der DDR und gegen die allzu große Duldsamkeit der evangelischen Kirchenleitung protestieren. Inzwischen hat sich die Situation geändert: Der Staat ist etwas toleranter, die Kirche etwas selbstbewußter geworden. Aber die Gemeinde von Brüsewitz, Droßdorf-Rippicha, hat bis heute keinen neuen Pfarrer.

Brüsewitz zerbrach an den politischen Verhältnissen, Rolf Günther dagegen an persönlichen Bedrängnissen. Allein die Tatsache, daß sich Pfarrer Günther während des Gottesdienstes vor mehr als 300 Gläubigen seiner Gemeinde Falkenstein im Vogtland verbrannte, zeigt seine Verzweiflung – aber auch, wen er anklagen wollte.

Günther rechnete sich zu einer charismatischen Bewegung innerhalb der Kirche. Das führte zu Glaubenskonflikten, so daß die eigene Gemeinde ihm riet, sich in eine andere Gemeinde zu bewerben. Dies scheint den 41jährigen, unverheirateten Geistlichen tief getroffen zu haben. Genaueres wird man erst erfahren, wenn ein Abschiedsbrief an den Dresdner Bischof Hempel bekannt wird. Hempel hielt sich zu einer Tagung in Helsinki auf. Seine vorzeitige Rückkehr zeigt, wie ernst die Kirche in der DDR diesen Ausbruch unbewältigter religiöser Spannung nimmt. J. N.