Kuriose Ausblicke eröffnet die Fernseh- und Hörfunk-Landschaft alle Tage. Aber was sich derzeit beim Hessischen Rundfunk abspielt, ist ein Unikum ganz neuer Dimensionen. Telebiss jedenfalls kann sich nicht daran erinnern, daß je zuvor die Programmverantwortlichen eines Senders von allen Seiten zugleich Prügel bezogen haben. Und dies wegen eines Beitrages, den außer ihnen und der Redaktion keiner kennt, den aber alle sehen wollen – jeder offenbar mit anderen Interessen im Hinterkopf. Wer da auch immer in der Öffentlichkeit die Keule schwingt, sie trägt die Aufschrift "Pressefreiheit". Wahlkampffieber in Hessenland? Damit allein ist das Kuriosum nicht zu erklären.

Was ist geschehen? Vorige Woche wollte die Regionalsendung "Hessenschau" des Hessischen Rundfunks einen Sechs-Minuten-Beitrag über eine Frankfurter Podiumsdiskussion des DGB-Landesbezirks ausstrahlen. Das beziehungsreiche Thema: "Ist die Freiheit in Presse und Funk bedroht?"

Zusammen mit seinem Intendanten Werner Hess sah sich Chefredakteur Michael Stoffregen-Büller den Film an. Beide entschieden: Nicht zur Sendung freigegeben.

Gründe für die Absetzung Wurden nicht deutlich. Zunächst erklärte der Chefredakteur, der Beitrag sei unzulänglich; es sei nicht gelungen, die dreistündige kontroverse Diskussion sinnvoll auf sechs Minuten zu komprimieren. In einer anderen Verlautbarung hieß es, der Film sei aus dem Programm genommen worden, um eine Einmischung in den Wahlkampf zu verhindern.

Welcher Grund auch gegolten haben mag, die Schelte kam prompt und lautstark. Keiner gab sich mit Stoffregens (in solchen Fällen üblicher) Ankündigung zufrieden, der Hessische Rundfunk werde im November in größerem Zusammenhang das Thema wieder aufgreifen.

Der Hessische DGB-Vorsitzende Jochen Richert sah in der Absetzung des Beitrags den "eindeutigen Beweis dafür, wie berechtigt die Sorge des DGB um die Freiheit in Presse und Funk" sei. Im übrigen seien wohl die "permanenten Angriffe der CDU auf das öffentlichrechtliche System nicht ohne Folgen geblieben".

Der medienpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Dieter Weirich, forderte die Ausstrahlung des Films, weil er sich davon "eher eine wahlfördernde als schmälernde Wirkung" für seine Partei verspreche. Denn immerhin habe der DGB-Chefideologe Hensche in der Diskussion systemverändernde Konzeptionen vorgetragen, etwa den Vorschlag, Alternativen zur privatwirtschaftlichen, spätkapitalistischen Presse zu entwickeln. Fragt sich nur, und das kann auch Weirich nicht wissen, ob dieser Ausschnitt in dem Kurzfilm überhaupt enthalten ist.