ARD, Donnerstag, 14. September: "Dick Cavett und Werner Höfer, ein Gespräch über Gespräche"

Zzwei Herren saßen im Studio. Der eine war ein Amerikaner, Dick Cavett sein Name. Der andere war unser Höfer. Und siehe, der eine redete wie ein deutscher Intellektueller, eine Kreuzung zwischen dem jungen Rudolf Augstein und Martin Walser, während sich der andere, melodramatisch chargierend, wie ein amerikanischer Provinz-Onkel gab: Uncle Joe aus Amerika feiert seinen Einzug in der Alten Welt.

Da war Dick Cavett. Die Einblendungen der von ihm geleiteten Talkshows zeigten einen Mann, der aus dem Handwerk des Unterstapeins eine Kunst gemacht hätte: Scheinbar hilflos schaut er mit dem Charme eines düpierten Jungen aus gutem Hause zu, was seine Gesprächspartner da für Allotria treiben – und dann plötzlich schlägt er drein. Ein einziger Satz, witzig, pointiert und beiläufig... und die vielredenden Konkurrenten sind aus dem Feld geschlagen. Die blitzartige Umkehr von Defensive und Offensive, die Widerlegung des Gewichtig-Breiten durch das Saloppe und Knappe: Das, denke ich, könnte das Geheimnis von Dick Cavetts Erfolg sein. Ein in Parenthese gesprochenes Bonmot – und die Ordnung ist wiederhergestellt.

Und dann war da noch Werner Höfer. Aber war er es wirklich? Dieser durch gewichtige Betonungen von Nichtigkeiten wie ein leibhaftiger Striese wirkende Mime sollte identisch mit dem behutsam operierenden, dabei souveränen und aufs beste präparierten Leiter des Frühschoppens sein – dem Kölner Sokrates, der allsonntäglich die Partner dazu bringt, das Ihre zu sagen? Dieser Schwadroneur aus tief-tiefer Provinz sei Höfer gewesen? Er hätte verantwortlich für die jämmerlichen Übergänge dieser zusammengekleisterten Zwei-Personen-Rede gezeichnet, die ein Gespräch zu nennen absurd ist? Er sei von Dali ("der sich für den Größten hält") auf Muhammad Ali ("der Größte, mit dem Sie ja auch gesprochen haben") und schließlich auf Dick Cavett gekommen? ("Sagen Sie, sind Sie der Größte, oder sind Sie Durchschnitt?")

Dick Cavett und Werner Höfer: Das war ein Nicht-Gespräch zwischen einem amerikanischen Wortkünstler, der, das kann nun einmal nicht anders sein, im Deutschen wie ein Trapezkünstler mit geschientem Bein wirkt... war ein verkrampfter Meinungsaustausch zwischen einem Beckenbauer, der plötzlich Handball spielen muß (nur die Photos zeigen seine verdeckten Schüsse aus dem Fußgelenk heraus), und einem Interviewer, an dessen törichten Sätzen gemessen die Herren vom aktuellen Sportstudio wie Causeurs à la Fontane erscheinen.

Da gibt’s kaum ein zum Thema gehörendes Klischee, das hier nicht fröhlich Urständ feierte: Tiefsinnig, bierernst und des Humors nicht fähig seien die Deutschen, die Politiker voran – und entsprechend fielen bei uns die Talkshows aus. Und kein Wort darüber, ob die ernst-bemühten Gespräche, die es hierzulande sicherlich gibt, nicht immer noch unterhaltlicher als die makabren Zurschaustellungen, die Haß-Ausbrüdie for show, die entwürdigenden Spielchen (hei, singt er lustig, der Herr Gouverneur, ein Sauertopf, der das nicht komisch findet!) und die Prostitutionen auf offener Szene sind (los, an die Mutterbrust mit dem Baby, und die Scheinwerfer drauf!), von denen der Betrachter am Bildschirm einige Beispiele sah. Kein Wort darüber, was Witz in einer Talkshow ist und was Klamauk und Peinlichkeit.

Nein, das kann Höfer nicht gewesen sein: Der hätte nachgefragt, als Cavett McLuhans These referierte, daß Nixon im Radio, Kennedy im Fernsehen besser angekommen sei, der hätte "Das möchte ich schon genauer wissen" gesagt, der hätte die disparaten Füllsel zur Anreicherung der Dick-Cavett-Show niemals ein Gespräch genannt, und der hätte vor allem den Mut gehabt, diese unfreiwillige Parodie nicht über den Sender gehen zu lassen.

Bleibt also nur die Möglichkeit, daß die unfreiwillige in Wahrheit eine freiwillige Parodie war und daß Werner Höfer von einem Mann gespielt wurde, der in einem halb deutsch, halb englisch geführten Gespräch Dick Cavetts Idealpartner wäre. Von Loriot. Momos