Von Ulrich Schiller

Washington, im September

Es scheint, als habe Amerika plötzlich einen anderen Präsidenten. Seit zwanzig Monaten führt Jimmy Carter nun die Regierungsgeschäfte dieses Landes. Wurde dem Neuling aus dem Süden anfangs noch viel Lob für seinen Mut und ungewöhnlichen Führungsstil zuteil, so überwogen bald die Zweifel an seinen Fähigkeiten. Das Meinungsbarometer sank fast auf den Nullpunkt. Was Carter auch anfaßte: Wenig schien ihm zu gelingen, nichts brachte Anerkennung. Dann kamen die 13 Tage von Camp David. Für viele Amerikaner ist ein anderer Jimmy Carter, ein anderer Präsident aus der Mammutkonferenz hervorgegangen.

Senator Byrd, Fraktionsführer der demokratischen Mehrheit im US-Senat, traf den Kern der neuen Sachlage: "Mit einem Schlag ist das ganze Gerede von Carters Inkompetenz ausgelöscht." Seit Sonnabend hat sich die innenpolitische Landschaft Amerikas verändert. In allen Medien schlug sich der Erfolg von Camp David sofort in einer Neubeurteilung Jimmy Carters nieder. Demokraten wie Republikaner feiern nun seinen diplomatischen Sieg, seine Geduld und seine Überzeugungskraft. Im Senat ist ein Resolutionsentwurf eingebracht worden, Carter zusammen mit Sadat und Begin für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Und einer der ersten, der die staatsmännische Tat des Präsidenten rühmte, war Henry Kissinger. Das verdiente Lob aus dem Munde der Politiker teilt sich dem Wähler mit, und wenn Kommentatoren aller Schattierungen heute einen drastischen Anstieg der Popularitätskurve Carters prophezeien, dann liegen sie sicher richtig,

Carter hat nicht nur vom Standpunkt der Konferenzstrategie, sondern auch von der Wirkung auf die Öffentlichkeit her gut daran getan, die Erfolgserwartungen für Camp David sehr niedrig zu halten. Die Nachrichtensperre während der Konferenz tat ein übriges, die Spannung in dramatischer Weise zu steigern und bis zum letzten Konferenztag pessimistische Prognosen überwiegen zu lassen. Um so größer war die Überraschung des Erfolges, den die Bilder von der Unterzeichnung der Rahmenabkommen für den Frieden im Nahen Osten dann noch zu einem wahrhaft geschichtlichen Augenblick stilisierten. Ministerpräsident Begin nannte Camp David "die Jimmy-Carter-Konferenz", Auch das Wort des israelischen Verteidigungsministers Weizman machte die Runde, Carter habe erreicht, was keinem anderen gelungen wäre, und er möchte einem Manne von solcher Ausdauer und Hingabe nicht auf dem Schlachtfeld begegnen.

Das israelische Lob für den Präsidenten dürfte seine Wirkung auf die jüdische Gemeinde in Amerika nicht verfehlen. Gerade da hatten die Zweifel an Carter besonders tief gesessen. Nach den Ovationen zu urteilen, die am Montagabend über Carter im Kongreß zusammenschlugen, als er die Abkommen und Amerikas Engagement vor beiden Häusern erläuterte, werden auch dort die bissigen Bemerkungen verstummen.

Der Nahe Osten ist zwar kein Thema, mit dem sich Wahlkampf führen ließe, die Rindfleischpreise sind wichtiger. Aber die Furcht vor einem neuen Konflikt, vor Ölembargo und erneuten Schlangen an Benzinzapfstellen ist doch sehr lebendig. Deshalb wollen die Amerikaner einen starken und geschickten Präsidenten am Werke sehen. Sie haben ihn nun entdeckt.