Heinz-Oskar Vetter, Vorsitzender des in Düsseldorf residierenden Deutschen Gewerkschaftsbundes, hat sich in den vergangenen Monaten immer mehr in eine Rolle hineingesteigert, die ihm eigentlich gar nicht liegt: die des polternden, eifernden Gewerkschafts-Chefs, der nur noch zwischen Freund und Feind zu unterscheiden vermag. Wer seine Reden hört, muß vermuten, daß Vetter hinter jeder Ecke kapitalistische Verschwörer und ihre Spießgesellen vermutet, die nichts anderes im Schilde führen, als die Arbeitnehmer in Not und Elend zurückzustoßen und sie wieder um ihre mühsam erkämpften Rechte zu bringen.

Nur ein Beispiel für diese Polemik um jeden Preis ist Vetters jüngste Rede vor der Hans-Böckler-Gesellschaft. Da prangert der DGB-Vorsitzende die angebliche Unterordnung des (ohnehin nicht existierenden) "Rechts auf Arbeit unter die Herrschafts- und Gewinninteressen der Eigentümer" an, da spricht er vom bedrohten sozialen "Besitzstand der Arbeitnehmer und ihrer Familien", da beschimpft er die Unternehmen, weil sie unfähig sind, die Vollbeschäftigung zu garantieren – und erwähnt natürlich mit keinem Wort, daß zur Vollbeschäftigung auch ein entsprechendes Lohnniveau und andere Voraussetzungen gehören, auf die das einzelne Unternehmen weit weniger Einfluß hat als die Gewerkschaften.

Ebenso undifferenziert geht Vetter mit dem neuen Mitbestimmungsgesetz und seiner Verwirklichung in den Unternehmen ins Gericht. Gewiß, mit diesem Gesetz haben unsere Parlamentarier kein Meisterwerk geliefert, sondern allenfalls den Anlaß für eine Kette weiterer Reformen. Unbestreitbar ist auch, daß sich manche Unternehmen durch allerlei Kniffe aus der Mitbestimmung herauszumogeln versuchen und jede Möglichkeit nutzen, die Bestimmungen so restriktiv wie möglich auszulegen. Daß Vetter dies anprangert, ist nicht nur sein gutes Recht, sondern sogar seine Pflicht als Gewerkschaftsführer. Unredlich ist aber, daß er nicht wahrhaben will, daß der Gesetzgeber den Gewerkschaften zu Lasten der Kapitalseite wieder ein großes Stück entgegengekommen ist. Vetter dürfte auch ruhig zur Kenntnis nehmen – und dies anerkennen –, daß die meisten Unternehmen sich bemühen, die neuen Verpflichtungen in fairer Form zu erfüllen und dabei mit den Vertretern der Belegschaft vertrauensvoll zusammenarbeiten. Überdies muß daran erinnert werden, daß einigen Gewerkschaftern ebenfalls jeder juristische Kniff und jedes wirtschaftliche Druckmittel recht ist, um die Paragraphen in ihrem Sinne zu dehnen und aus dem Mitbestimmungsgesetz mehr herauszuholen, als der Gesetzgeber hineingelegt hat.

Vetter selbst lieferte dafür ein Beispiel in seiner Rede. Statt sich für ein redliches Bemühen beider Seiten einzusetzen, das von keinem geliebte Gesetz in partnerschaftlichem Sinne mit Leben zu erfüllen, predigt er Konfrontation und den Aufbau eines mehr als fragwürdigen überbetrieblichen Informationssystems der Gewerkschaften. Auch wenn Vetter inzwischen erklären ließ, er habe damit nicht den Aufbau eines "Gegenmanagements" ankündigen wollen, so sind doch alle hellwach geworden, die schon immer den Argwohn hegten, hinter den Mitbestimmungsforderungen stecke in Wirklichkeit die Absicht der Gewerkschaft, ganze Branchen zu kontrollieren und deren Investitionen zu lenken.

Es war gut, daß Wirtschaftminister Graf Lambsdorff sofort sehr deutlich reagiert und Vetter in die Schranken gewiesen hat. Die Gewerkschaften sind zwar die gewichtigste, aber dennoch nur eine von vielen Interessengruppen in unserem Land. Und entgegen ihrem Selbstverständnis dient nicht alles, was sie wollen oder durchsetzen, ex definitione dem Allgemeinwohl. Es dient nicht einmal automatisch den Interessen der Arbeitnehmer. Denn wenn zum Beispiel durch überzogene Forderungen nach Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung oder durch unverantwortliche Polterreden der nach Ansicht der Bundesbank jetzt doch wieder aufkeimende Mut zu Investitionen wieder erstickt wird, dann schadet dies nicht zuletzt den Arbeitnehmern.

Michael Jungblut