Sollen wir unsere Gefühle mitteilen und mit anderen darüber diskutieren? Diese Frage ist zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich beantwortet worden. Vom Altertum bis in unsere Tage haben sich Perioden, in denen Verschlossenheit gute Sitte war, mit solchen, in denen nicht genug Gefühl verströmt werden konnte, abgewechselt. In unserer jüngeren Geschichte zum Beispiel folgte dem preußischen Ideal der Selbstbeherrschung die ebenso deutsche Romantik mit all ihrem Tränenkult; sie wiederum wurde von einem Klima abgelöst, in dem es als geschmacklos galt, anderen Leuten sein Innerstes zu offenbaren.

Jetzt trägt man wieder Gefühl. Und weil überdies heute Wissenschaft gefragt ist, meinen wir, diese Mode rational begründen zu müssen. Folglich halten wir das Reden über die eigenen Seelenfreuden und -qualen nicht nur für schick, sondern auch für gesund. Wir behaupten, wer nicht aus sich herausgehe, könne kein Glück empfinden und müsse an seinem Unglück ersticken. Ja, wir halten solche Meinung sogar für wissenschaftlich erwiesen und haben darum das Reden über die eigenen Nöte, Sorgen und Unzulänglichkeiten zu einer psychologischen Behandlungsmethode erhoben, zur Gesprächstherapie.

Ob sie wirklich hilft, Seelenleiden zu lindern, wissen wir nicht. Dies zu prüfen, scheitert an der Komplexität menschlichen Verhaltens und an der Mannigfaltigkeit von Umwelteinflüssen. So bleibt uns nur die Hoffnung, diese Technik möge heilwirksam sein oder wenigstens nicht schaden.

Die Wissenschaft kann nicht darauf verzichten, neue Behandlungsmethoden zu erproben. Denn täten wir nichts dergleichen, würden wir in der Krankenheilung nie vom Fleck kommen. Doch sollten wir nicht vergessen: Jede Therapie, die nur auf theoretischen Vorstellungen basiert, deren Wirksamkeit noch nicht erwiesen werden konnte, ist ein Experiment. Wo also Gesprächstherapie stattfindet, wird mit Menschen experimentiert. Das kann durchaus gefährlich sein. Denn sollte sich diese Form der Krankenbehandlung als wirksam erweisen, so liegt hier ebenso wie bei einer Behandlung mit Medikamenten oder bei operativen Eingriffen die Möglichkeit nahe, daß sich auch schädliche Nebenwirkungen einstellen.

Angesichts dieses Risikos gilt es zu fragen, wer solche Experimente an Menschen vornehmen darf und wer nicht. Wo es um den Körper geht, ist alles gesetzlich geregelt. Behandeln darf ihn nur der Arzt, und experimentieren darf er dabei nur mit Einschränkungen. Ausgerechnet dort aber, wo die so offensichtlich viel empfindlichere Seele auf dem Spiel steht, sind wir erschreckend leichtfertig. Hier lassen wir medizinische Laien nach Gutdünken Heilkunst betreiben, insbesondere experimentelle Heilkunst. Wie offen dies geschieht, war in dritten Fernsehgrogrammen zu sehen – vor kurzem in der Nordkette. Das Professoren-Ehepaar Reinhard und Annemarie Tausch – beide nicht Mediziner – stellte eine Gruppen-Gesprächstherapie zur Schau. Hier wurden Intima seelisch gestörter Menschen dem Publikum preisgegeben.

Gewiß, manch einer mag den Bekenntnissen der bedrückten Menschen mit dem vom Veranstalter erhofften Respekt betrachtet haben; mit Sicherheit aber hat es Zuschauer gegeben, die sich über die Ausbrüche von Jubel, Wut und – mit den Tempo-Taschentüchern des Professors getrockneten – Tränen der versammelten Frauen und Männer amüsiert haben. Viele Betrachter des Psychospektakels waren schlicht Voyeure, wie überall, wenn sich Neugierige anderer Leute Unglück anschauen.

Weil Menschen leider so sind, ist es Ärzten verboten, über ihre Patienten zu sprechen oder sie gar öffentlich vorzuführen, auch dann, wenn diese damit einverstanden wären. Die zur Unterhaltung ausgestrahlte Seelenkur aber wurde nicht von Ärzten verabreicht, weshalb ärztliche Schweigepflicht hier nicht bestand.