Von Dieter Buhl

Duisburg, im September

Eine solche Szene ist rar im politischen Geschehen, und sie verdient es, festgehalten zu werden: Eben noch waren die beiden Manner gegeneinander angetreten, hatten sich nach monatelangem Ringen um die Gunst der Genossen zur Wahl gestellt, die zu einem Schnittpunkt ihrer Karriere werden sollte. Nun saßen sie einträchtig am gemeinsamen Mittagstisch, der Sieger Johannes Rau ohne jeden triumphalen Überschwang, der Verlierer Diether Posser mit der Gelassenheit des souveränen Politikers. Ein Bild der Eintracht: mehr vom Charakter der beiden Kontrahenten als von den Umständen der Entscheidung geprägt.

Sie war knapp ausgefallen. Nur 161 von den 300 Delegierten des Sonderparteitages der nordrhein-westfälischen SPD hatten am vergangenen Sonntag, den bisherigen Wissenschaftsminister Rau dem Finanzminister Posser als Nachfolger Heinz Kühns im Amt des Düsseldorfer Ministerpräsidenten vorgezogen. Kein überragendes Mandat für einen langgedienten Kronprinzen, der zudem noch der Bestätigung seiner neuen Würden durch die Abgeordneten der sozial-liberalen Koalition an diesem Mittwoch ins Auge sehen mußte. Die Vorrechnung war ebenso einfach wie furchteinflößend: 101 Stimmen benötigte Rau im Landtag, um Ministerpräsident zu werden. Das provozierte zumindest drei Tage vor dem entscheidenden Gang noch Ungewißheit; denn die Düsseldorfer Koaliton wird nur von 105 Parlamentariern getragen, und das Desaster von Hannover wirkt weiter als mahnendes Beispiel.

Aber die unterschwellige Sorge vor dem Ausgang des Parlamentsvotums allein erklärt den Tau von Mattherzigkeit nicht, der über dem Wahlkongreß der nordrhein-westfälischen Sozialdemokratie lag. Zwölf Jahre Machtbesitz im Land und Jahrzehnte kommunaler Herrschaft in den Großstädten haben die Partei viel an Elan gekostet, den Drang zu neuen Ufern eingeschläfert. Weil die Wahl Raus gleichzeitig den Abschied von Heinz Kühn als Zugpferd ihrer Partei markierte, war vielen Sozialdemokraten ohnehin eher wehmütig ums Herz als zum Jubeln zumute.

Einen "unbeugsamen" und zugleich "menschlichen" Politiker, der sich "um die deutsche Sozialdemokratie verdient gemacht hat", nannte Willy Brandt den scheidenden Ministerpräsidenten. Die Delegierten begleiteten die Würdigung mit starkem Beifall. Viele von ihnen werden damit wohl auch die eigenen Gewissensbisse überlagert haben; denn während der letzten Jahre sind Kühn von seinen Genossen nicht nur Rosen auf den Weg gestreut worden. Schon seit langern war er Zielscheibe des Ärgers, mitunter auch der Verachtung aus den eigenen Reihen.

Nicht alle Schläge haben Kühn unverdient getroffen. Schon lange lag ihm die Rolle des weltreisenden Staatsmannes näher als die des sorgsamen Landesvaters. Der Ideenreichtum und die Tatkraft der Anfangsjahre waren zuletzt der Unlust am Regieren gewichen. Und selbst in seiner Abschiedsrede vom Amte schimmerte durch, warum Kühn auch in seiner besten Zeit unter Sozialdemokraten an Rhein und Ruhr mitunter wie ein Paradiesvogel erschien: Weil er mit seiner blitzenden Sprache nur allzu oft vergessen ließ, daß er von Werdegang und Gesinnung her ein eingewobener Sozialdemokrat der alten Schule ist.