Bonn ist wieder in vollem Betrieb. Sind die Regierungsmitglieder längst aus den Urlaubsdomizilen an ihre Schreibtische zurückgekehrt, so nun auch der Bundestag nach einer besonders ausgedehnten, ein ganzes Vierteljahr dauernden Sommerpause. Und wie immer gleicht die Szene ein wenig dem Bild auf Schulhöfen nach den großen Ferien: aufgeregtes Gesumm, Schulterklopfen und Händeschütteln.

Es gibt auch gleich wieder ein volles Programm. Nicht nur der Bundeshaushalt für das nächste Jahr, sondern auch das Steuerpaket der Regierung stehen auf der parlamentarischen Tagesordnung. Vor allem aber herrscht wieder Wahlkampf, in Hessen und Bayern. Da wird die Debatte über den Staatsetat um so mehr zum großen rhetorischen Kräftemessen, zum Muskelspiel vor den Wählern. Am Wochenanfang bereiten sich die Fraktionen und Parteien auf eine Redeschlacht vor, die besonders den Stimmbürgern jenseits des Westerwaldes und südlich des Mains zugedacht war – und zumal dem für alle Politiker beunruhigend hohen Anteil der noch Unentschlossenen. Das prägt den Auftakt überhaupt: Bonn wartet auf den Spruch der Wähler.

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Etwas gedämpfter freilich wird es künftig schon zugehen. Denn ein beträchtlicher Teil der kilometerlangen Bundeshausflure, die bisher mit abgewetztem Linoleum oder schartigen Holzdielen belegt waren, hat einen Teppichboden erhalten, braun-rot und robust in den am meisten begangenen Korridoren, grauweiß und von Hochflorqualität in den präsidialen Etagen. Außerdem werden die Wände von mehr oder minder moderner Graphik geziert, und am Eingang I des Bundeshauses verkünden neuerdings goldene Lettern auf schwarzem Steingrund: "Deutscher Bundestag".

Diese Verschönerung hat die "Interparlamentarische Union" bewirkt – jene Vereinigung von Abgesandten aus rund 70 Parlamenten in aller Welt, die letzte Woche ihre alljährliche Konferenz beendete. Sie war zum ersten Male nach Bonn einberufen worden. Für die Debatten der über 1000 Delegierten samt einem üppigen gesellschaftlichen Programm sind aus dem Bundeshaushalt 2,8 Millionen Mark aufgewendet worden – eine ungeheure Verschwendung, wie die Puristen finden.

In der Tat hatte es der Bundestagspräsident und Gastgeber Karl Carstens schwer, den sachlichen Ertrag mit anderen Worten als den zu resümieren, daß der Kongreß in einer "maßvollen und guten Atmosphäre" stattgefunden habe. Die Kongreßresolutionen strotzten von wohlfeilen Allgemeinheiten, sei es zum Nahostkonflikt, zur Abrüstung oder zur Bekämpfung des Terrorismus. Aber das hat nicht Carstens, sondern die Union selbst zu verantworten, die ihren Begriff von Parlamentarismus so weit spannt, daß darunter auch die Vertretungen von Diktaturen aller Art ihren Platz finden.

Simple Kosten-Nutzen-Rechnungen führen da nicht weit. Statt dessen haben sich die Bonner Gastgeber auf ein einfaches Rezept verlegt: perfekte Organisation und großzügige Gastfreundschaft – beides von den Delegierten dann hoch gelobt – als Folie für die sogenannten Unwägbarkeiten: Zum Beispiel sah man auf einem Empfang Israelis und PLO-Leute in einem ziemlich intensiven Gespräch. Wer kann diesen Nutzen schon beziffern?