In jedem Sommer bietet sich das gleiche Bild: Am Freilicht-Theater Delacorte im Central Park formieren sich schon am frühen Nachmittag Schlangen von New Yorkern, die nach Freikarten für eine Aufführung des New York Shakespeare Festival anstehen. Oder besser liegen – Decke an Decke, mit Picknickkörben, Büchern und Backgammon. Nebenan spielen Jugendliche Baseball, und einige der vom gerade grassierenden Fußballfieber Angesteckten kicken auch ein größeres Leder.

Eis- und Sodaverkäufer schieben ihre Karren durch das Wiesengelage. Unterschriftensammler für Parteien und humanitäre Anliegen nutzen die Wehrlosigkeit der Wartenden. Ein politischer Kandidat ergreift mit breitem Grinsen Hände, die nur widerwillig Hühnerbeine und Salatgabeln fahren lassen. Dem alten Herrn, der in dezentem Abstand Schubert-Lieder singt, und auch der Poet, der seine Produkte zu fünf Cents das Stück verkauft, hat Absatzschwierigkeiten. Anders der mit eisgekühlter Sangria umherwandernde Schwarze.

Ein ausgedehntes Theaterereignis ist nicht das schlechteste Mittel, die letzten Sommertage in Manhattan zu überstehen. Die gute Laune hält sich bis in die Aufführung von "Der Widerspenstigen Zähmung". Schwache Buhrufe, die der Unzeitgemäßheit des Themas gelten, werden vom Tempo und der Sinnlichkeit der Aufführung weggefegt. Meryl Streep, die in "Holocaust" eine ätherische Inge spielte, ist mit aufgelöster Mähne wild und wunderschön. Was wunder, daß sie als Aufmüpfige viel überzeugender ist als die ihrem Macho-Gatten alles nachbetende Gezähmte.

"Free Shakespeare in Central Park" gibt es dank der Unermüdlichkeit des lokalen Theaterpapstes Joseph Papp schon seit 1956. Vor 15 Jahren kam ein Ballettfestival hinzu, und 1965 gab Leonard Bernstein mit seinen Philharmonikern das erste freie "Konzert im Park". Heute ist dies alles Institution. Die Stadt hilft mit 650 000 Dollar, das sind 33 Prozent der Gesamtkosten. Bund und Bundesstaat bringen das zweite Drittel auf, und den Rest spenden private Geldgeber, allen voran Exxon, deröl-Multi.

In keiner anderen Stadt der USA gibt es im Sommer so viele freie Theatervorstellungen, Ballette und Jazzkonzerte wie in New York. Und sie bleiben nicht nur in Manhattan. Auf fahrbaren Bühnen geht die etablierte Kunst auch in die Gettos, wo ihr Stammpublikum bereits wartet – Stiefkinder der Kultur, die keine fünfzehn Dollar für eine Eintrittskarte ausgeben können. Und auch keine fünf.

Die sonst über die ganze Stadt verteilten Happenings – Trickkünstler, Tonartisten, Straßentheater – rücken im Sommer in die Nähe der Kulturpaläste. Beim "Free Lincoln Center out of Doors" wird der Platz zwischen Oper, Konzerthalle und Theater zur Bühne, auf der das Publikum selber die Show abgibt. Es nimmt dem Platz das Bombastische einer auf Repräsentation bedachten Architektur, drängelt sich vor dem Eiscremestand, jagt nach Plätzen im Cafe neben dem Springbrunnen, applaudiert Tänzern und Musikgruppen oder wartet einfach auf die Abendvorstellung. Manche verkaufen Karten an Spätentschlossene, entweder zum Einheitspreis von 5,75 Dollar für Konzerte des "Mostly Mozart Festival" oder mit Profit: Da schlägt einer ein 25-Dollar-Ticket für eine Nurejew-Aufführung zum Preis von 35 Dollar los.

"Bringen Sie Ihre Decke, wir bringen die Musiker", heißt es auf den Anzeigen, mit denen die Philharmoniker jährlich zum Freikonzert auf der "Sheep Meadow" im Central Park einladen. Trotz Zeitungsstreik fanden’ wieder Tausende den Weg dorthin – mit Klappstühlen, Decken, Windlichtern und, natürlich, Picknickkörben. Da sitzen Damen im Puccikleid neben Marihuana rauchendem Jungvolk und finden es himmlisch. "Es ist so eine gute Atmosphäre, sie verbrüdert irgendwie." Die Nachbarn nicken und meinen, ja, die "vibes" seien o. k.

Keiner hat Angst im dunklen Park. Mit 152 000 anderen Musikfans drumherum fühlen sich selbst alte Leute sicher, die sonst immer häufiger zu Opfern von Raubüberfällen werden. Musik als Bodyguard.