Natürlich wußten alle, die vorige Woche im Berliner Renaissance-Theater saßen, daß manches anders war. Die Frau, die über die Bühne rauschte, huschte und wirbelte, mit den Brüsten schlenkerte, mit den Augendeckeln klapperte und mit Handküssen um sich warf, war gar keine, sondern ein Mann; die zugige Bühnenluft, die ins Parkett wallte, roch nicht nach desinfiziertem Staub, sondern nach parfümiertem Puder. Und trotzdem schien niemand gewillt zu sein, sich eins ums andere Mal überraschen zu lassen, und das ohne Degout vonstatten gehende Spiel zwischen Wirklichkeit und Imitation mitzuspielen und am Ende sogar das eine für das andere zu nehmen. Bis auf den bärtigen Kapellmeister im langen schwarzen straßbesetzten Samtkleid, glitzernden Flitter auf den Augenbrauen, war es ja auch kein ungewohntes Bühnenbild: acht gelassen agierende Musikarbeiter als der stabile graue Hintergrund für den bunt schillernden, Stars parodierenden Star, den Kanadier Craig Russell aus New York.

Eine Ouvertüre, laut und schmissig, schleuderte ihn herein, einen aufgetakelten, im Nu die Bühne füllenden Vamp, zitternde Marabufedern auf Lockenhaar und Schultern, funkelnde Steine auf einer Robe, die den Leib fest umschloß: der Broadway-Star Carol Channing. Mit ihm begann Craig Russell seine meist erheiternde, manchmal bewegende, durchweg mit großem Fleiß und bemerkenswertem Geschick gemachte New Yorker Nummern-Show von ungefähr zwanzig Parodien. Gegenstand seiner Verwandlungskünste sind weibliche Stars aus dem amerikanischen Show-Business, vor allem solche, die die Verehrung des freundlichen, mit der Mutter in die Welt reisenden jungen Mannes, der sich in Frauenkleidern glücklich fühlt, genießen.

Was ihn von anderen Transvestiten unterscheidet, die zur Zeit die Kleinkunstbühnen so zahlreich wie noch niemals bevölkern und weltweit in Mode sind, ist sein mannigfaltiges Talent. Wo andere ihre schwesterlichen Show-Prinzessinnen nur im Playback zu beleben vermögen und ihre Kunst in der Verkleidung und ein paar Gesten besteht, singt Russell selber. Er turnt mit seiner hochtrainierten Stimme schwerelos über viereinhalb Oktaven und trifft mit seinen Imitationen die piepsige Mae West so gut wie die sonore Jazz-Altistin Sarah Vaughan und ihr flimmerndes Vibrato oder den grollenden Louis Armstrong im Duett mit Ella Fitzgerald. Manches war ein bißchen grob karikiert (wie Marlene Dietrich), mancher Witz (wie mit Carol Channing) zündete nur bei den Amerikanern im Parkett, die ihre Stars genauer kennen und die Anspielungen mit trampelndem Gelächter quittierten. Man fühlte sich dennoch nicht verloren: die Assoziationsfunken flogen so stürmisch, daß man sich beinahe überrumpelt fühlte, den Zauber zu glauben.

Da ist das ordinäre "göttliche Fräulein M." die aufgewühlte Schlagersängerin Bette Middler; da ist die eckige Katharine Hepburn, da ist, aha, die "gegen Schwule, Alkohol und Sünde" anrennende Anita Bryant, ein großartiger Party-Feldwebel. Jeden Augenblick erfährt man, ein wie genauer Beobachter und Zuhörer Craig Russell ist, wie er das charakteristische aus seinen Figuren herausliest, aufnimmt und parodierend imitiert, das Timbre, den Gesang, die Schlenker, die Mimik, die Eigentümlichkeiten der Kostüme.

Oft geschieht die Verwandlung von einem Star in den anderen durch nur ein Kleidungsstück mehr oder weniger. Erst machte die Brille des Saxophonisten aus Bette Middler im schwarzen Trikot eine Ella Fitzgerald, dann ein schwarzes Chiffoncape mit weiß gesäumter Kapuze daraus eine Hepburn, und aus der kessen Diva Tallulah Bankhead wurde Bette Davis eigentlich nur dadurch, daß die Locke tiefer ins Gesicht und die Träger auf die Arme rutschen. Als Barbra Streisand trägt Russell über dem schwarzen Strumpfhosenanzug einen weißen Frack, als Judy Garland eine lila Jacke, als deren Tochter Liza stat: dessen nur einen rot glitzernden Bowler auf dem perückenlosen, Zerwühlten Schopf. Und nicht zu zählen die kleinen Zeichen, die der Körper mit charakteristischen Bewegungen zur Identifizierung gibt. Man ist schnell dabei, das bloß Ungewöhnliche und das Abnorme zu unterschlagen, sich der Geschlechter- und Figuren-Gaukelei zu fügen, Spiel und Maske für Augenblicke zu vergessen.

Das Verrückte als etwas Normales: Das ist nun die trotzige Devise des Films, der bei den Filmfestspielen im Frühjahr den Silbernen Bären und obendrein den Preis des Berliner Publikums gewonnen hat und der jetzt in die Kinos kommt: "Ausgeflippt" von Richard Benner. Er hat ein paar biographische Züge der Hauptfigur Craig Russell, schon weil Benner eine Kurzgeschichte für sein Drehbuch verwendet hat, die Russells Gefährtin Margaret Gibson geschrieben hat.

Es sind in Wahrheit zwei Geschichten, aus der die eine wird: Ein schizophrenes Mädchen, das merkwürdige schöne Geschichten aufschreibt, die ihm einfallen, entflieht der Nervenheilanstalt und findet Zuflucht bei seinem Freund, einem homosexuellen Friseur, der mit seiner Neigung zurechtzukommen versucht, Frauenkleider zu tragen und Frauen – Stars, die er anhimmelt – zu spielen. Zwischen beiden entwickelt sich ein Schutz- und Trutzbündnis, eine schöne Art von Liebe, die sich auf getrennten Bahnen ereignet, die sich so nahe kommen, daß sie eins zu werden scheinen.