Ein notwendiger neuer Ansatz zur Interpretation wurde noch nicht gefunden

Von Heinz Josef Herbort

Es hieß einmal das "deutsche Rom": 175 Jahre lang, von der Fertigstellung des Doms (1628) bis zur Enteignung der Kirche mit dem Reichsdeputationshauptschluß (1803), war Salzburg eines der wichtigsten Zentren der katholischen Kirchenmusik. Da fungierten als Kapellmeister Komponisten, die sechzig und mehr Messen schrieben, von denen aber ansonsten kaum eine Notenzeile bekannt wurde: Bernardi, Vater und Sohn Biber, Eberlin, Adlgasser, Michael Haydn. Da unterhielt der Fürstbischof eine Hofkapelle, die, wenn auch nicht immer zu den besten, so doch fast immer zu den größten in Mitteleuropa zählte, 1757 beispielsweise 47 Instrumentalisten und 45 Sänger umfaßte. Da rangierte der Kapellmeister als "Titular-Truchseß" in der höfischen Hierarchie "mit Rang und Gang gleich nach denen würcklichen" und "imediate nach denen Decanis Ruralibus und Geistlichen Doctoribus". Da war schließlich der ehemalige Jurastudent Leopold Mozart seit 1743 Violonist, seit 1757 Hof- und Cammerkomponist, seit 1763 Vizekapellmeister.

Vor diesem Hintergrund muß man die Tatsache sehen, daß Wolfgang. Amadeus Mozart, einmal mit dem Komponieren befaßt, neben den Sonaten, Phantasien, Variationen und Konzerten, die er für seine brillanten Auftritte benötigte, und den Arien und Opern, mit denen er an Höfen Furore machte, vor allem für die Kirche schrieb – bis zu jenem Fußtritt, mit dem er aus dem erzbischöflich-salzburgischen Dienst hinauskatapultiert wurde; seitdem entstand "Geistliches" nur noch unter fast mysteriösen Begleitumständen, zu seiner Hochzeit und zu seinem Tod.

Haus mit dem Lasziven und Unreinen

Zwar möchte der gelegentlich skeptische, meist aber vor Geniefetischismus euphorisch taube Musikforscher (und Köchel-Verzeichnis-Bearbeiter) Alfred Einstein vor einem Kyrie in d-moll (KV 368 a) "in die Knie sinken" – allein Wolfgang Hildesheimer (und ihn wird man in den nächsten Jahren wohl ebenso häufig zitieren wie die "großen" Mozart-Experten Abert und Wyzewa/Saint Foix, wie Schenk, Schiedermaier, Deutsch und Plath) räumt allenfalls ein, daß sich die Qualität "in einzelnen Kirchenwerken ins Grandiose steigert", daß es ihm aber ansonsten so scheint, "als sei Mozart in seiner Kirchenmusik, außer vielleicht bei einigen Textwendungen, die seine Seele über das Liturgische hinaus berührt haben mögen, ... so ganz bei der Sache selbst nicht gewesen".

In der Tat: für keinen Bereich hat Mozart so konventionell, so einfallsarm, so angepaßt komponiert wie für die Kirche. Das hat gewiß mit den strengen Vorschriften der Liturgiker zu tun, die seit dem Tridentinum (1563) alles "Laszive und Unreine" aus der Kirchenmusik verbannt wissen Und nur die pia gravitas, die fromme Erhabenheit zulassen wollen. Weiter mit den besonders einschneidenden Anweisungen des Salzburger Erzbischofs, der wünschte, daß auch das musikalisch umrahmte feierliche Pontifikalamt nach fünfundvierzig Minuten beendet sei. Offen aber bleibt, warum der sonst so Einfallsreiche sich in Thematik wie in Kompositionstechnik so wenig von seinen Vorgängern und Zeitgenossen abzuheben, versuchte.