Vor ein paar Wochen bangten sie noch um ihren Arbeitsplatz, die dreitausend in Mailands Maklerbüros Beschäftigten. Vom Aktienmarkt hörte man nichts mehr außer dem Protest der aus Existenzangst streikenden Börsianer.

Doch nun ist die wichtigste italienische Börse über Nacht in geschäftige Betriebsamkeit gefallen. Und das gerade in der Zeit unmittelbar nach den großen Sommerferien, in der gewöhnlich die Spekulation eher vorsichtig sondiert. Von Woche zu Woche nimmt der italienische Aktienmarkt mit dem es zuvor jahrelang nur bergab gegangen war, seitdem neue Hürden.

Jetzt beträgt ein Wochenumsatz bereits ein Zehntel des Gesamtgeschäftes von 1977. Gekauft wird um jeden Preis – vor allem das, was jahrelang niemand haben wollte. Was Aktienspezialisten indes noch mehr verwirrt: Gerade die Gesellschaften mit den höchsten Schulden und den größten Verlusten stehen am höchsten in der Gunst der Käufer. So verdreifachte die staatliche Stahlholding Finsida vom Jahresanfang bis zum 11. September ihren Kurs: Ein Unternehmen, das ohne staatliche Stützung längst pleite wäre. Der Chemiefaserhersteller Snia Viscosa, der sogar sein Bürohaus zum Kauf feilbietet, um die Finanzklemme ein wenig zu lockern, sah den Kurs seiner Aktien in der gleichen Zeit und 182 Prozent steigen. Um 423 Prozent schnellten gar die Aktien der staatlichen Nahrungsmittelholding SME in die Höhe.

Trieb allein die "Hoffnung auf eine Sanierung dieses Abgrundes von Schulden und Verlusten" (so die Wirtschaftszeitschrift II Mondo zu einer derartigen Aufwertung dieser Titel? Oder können die deutschen und Schweizer Käufer, die derzeit nach Aussage der kommunistischen Parteizeitung l’Unita "wie Hunnen über den Börsenplatz Mailands herfallen" nicht genügend erkennen, was sie da kaufen? Immerhin ist doch merkwürdig, daß ein so grundsolider Wert wie die größte italienische Versicherungsgesellschaft Assicurazione Generali in der genannten Zeit nur sechzehn Prozent Plus machte – und es bei Fiat-Stammaktien nur für 23 Prozent reichte. Beide Gruppen verfügen mit über die gesündeste Vermögensstruktur und besten Ertragsaussichten der italienischen Wirtschaft.

Insider sind bei der Sondierung nach den wahren Gründen für das Börsen-Feuerwerk schon auf einige interessante Tatbestände gestoßen. Dazu gehört, daß die Großbanken der staatlichen IRI-Gruppe die Kurse ihrer Schutzbefohlenen (SME und Finsida) gestützt und stimuliert haben, um diesen im Ansehen stark angeschlagenen Gesellschaften wieder Kredit zu verschaffen.

Die Spekulation, die in normalen, ruhigen Zeiten schon neun Zehntel des Mailänder Aktiengeschäftes bestreitet, macht bei diesem Hausse-Spiel nur allzugern, mit. Der außerordentliche Umfang der Termingeschäfte läßt das klar erkennen. Denn seit bei Spekulationen à la Baisse in Mailand neunzig Prozent Bareinzahlung erforderlich sind, bleibt nur die Hausse als Ventil übrig.

Daß an einem einzigen Tage fünf Prozent des Gesamkapitals der Montedison umgeschlagen werden, wie in der vergangenen Woche, und daß Montedison an einem Tage um 40 Prozent steigt, kann jedenfalls nicht, dem normalen Börsengeschäft zugeschrieben werden. So äußern nicht nur die Kommunisten den Verdacht, daß beim hastigen Rundlauf der Aktienkäufe Praktiken mit im Spiel sind, die an "Plusmacherei" grenzen.