Stjepan Bilandzic macht rundum den Eindruck eines glücklichen Menschen. Zum erstenmal seit dreieinhalb Monaten wartet er wieder zu Hause auf seine Frau und die einjährige Tochter. Sie müssen ihn nun nicht mehr im Gefängnis besuchen. Auch sonst hat er gute Nachrichten: Er wird sein von der katholischen Kirche gefördertes sozialpädagogisches Studium fortsetzen können, das durch die Festnahme kurz vor dem Examen unterbrochen wurde. Und die Bundesregierung hat seine Auslieferung an Jugoslawien abgelehnt.

Der Student Bilandzic, knapp unter vierzig, gehört zu den ältesten Semestern. Das hat Gründe, die er selbst gar nicht so anders erklärt, als seine Bekannten vom Verfassungsschutz oder vom politischen Kriminalkommissariat der Kölner Polizei es tun würden. In all den Jahren zuvor war er viel zu sehr mit der Politik beschäftigt, als daß er ans Heiraten und ans Studieren hätte denken können.

Er ist einer unter Tausenden von Exilkroaten in der Bundesrepublik, kein Gastarbeiter im herkömmlichen Sinne, obgleich er fast alle den Gastarbeitern vorbehaltenen Jobs durchgemacht hat. Aber er ist auch kein politischer Flüchtling. Der Überdruß am Tito-Regime, das die Kroaten im Vielvölkerstaat bis heute als Bürger zweiter Klasse behandelt, trieb ihn schon vor zwanzig Jahren ins Exil.

Über die Gründe mag er nicht mit sich rechten lassen: Nicht darüber, daß der erste und bislang einzige kroatische Nationalstaat 1941 von Hitlers Gnaden entstand und daß er unter dem Ustascha-Führer Ante Pavelic Terror über die jugoslawischen Brudervölker übte. Stjepan Bilandzic feiert den Staatsgründungstag mit seinen Freunden noch heute, als wäre sonst nichts gewesen.

Dennoch ist er kein Faschist, sondern ein Träumer. Er glaubt an eine neue kroatische Staatsgründung. Weil er seinen Glauben so überzeugend artikulieren kann, wurde er zur Symbol- und Integrationsfigur für viele Exilkroaten in der Bundesrepublik und damit zugleich zur most wanted person für den Tito-Staat. Er steht auf Platz eins des Auslieferungsersuchens, das die jugoslawische Regierung Ende Mai nach der Festnahme von vier deutschen Terroristen in Zagreb nach Bonn geschickt hatte.

Das Oberlandesgericht Köln entschied im August, Bilandzic dürfe an Jugoslawien ausgeliefert werden. Es übernahm dabei unbesehen die vom Bundeskriminalamt beigesteuerte charakterliche Würdigung: Er sei „ein fanatischer und gewalttätiger Emigrantenführer“. Sogar in Kreisen seiner kroatischen Landsleute werde er „als krimineller Terrorist“ bezeichnet.

Nichts davon ist belegt, nichts von allem taugt als „gerichtsverwertbare Tatsache“. Der Fall Bilandzic hat wie kaum ein anderer zuvor deutlich gemacht, wie anfechtbar, wie rechtsunsicher unsere Auslieferungspraxis ist. Das ihr vorgeschaltete gerichtliche Verfahren verdient seinen Namen nicht; es gleicht einer Farce, einem Schauspiel, mit dem allenfalls der Schein von Rechtlichkeit erzeugt werden soll, während es in Wahrheit keinen Rechtsschutz gibt. Nur Richter, die sich gegen die ihnen zugedachte Rolle als Erfüllungsgehilfen auflehnen und in eigener Verantwortung ein Auslieferungsgesuch sachlich prüfen, können hier Schlimmes verhüten. Das haben die Kölner nicht getan.