Von Marlies Müller-Escherich

Der Mann setzte sich im Bett auf, entfernte den Infusionskatheter aus seiner linken Armvene, dann den Drainageschlauch aus seinem Brustkorb und starrte an die Zimmerdecke, ab und zu einer imaginären Person antwortend, von Ärzten und Schwestern nicht ansprechbar. Schließlich sprang er aus dem Bett, ging an das Fenster und behauptete, man wolle ihn umbringen, er würde jedoch dem zuvorkommen und sich hinausstürzen. Kurze Zeit später befragt, erklärte er, er habe an der Zimmerdecke einen Mann gesehen, der zu ihm gesprochen und ihm erklärt habe, er werde sich beim Arzt über sein unmögliches Benehmen beschweren. Bei einem Interview etwa zwei Jahre später erinnerte sich der Patient an keines dieser Vorkommnisse.

Ein Einzelfall, ebenso extrem wie der des 21jährigen Patienten, der wenige Stunden nach einer Herzoperation, noch mit Kathetern in beiden Armen und einer Drainage im Brustkorb, aus der Mainzer Universitätsklinik flüchtete? Ein Einzelfall wie der – im wahrsten Sinne des Wortes – Fall eines wenige Stunden zuvor an einer Herzklappe operierten Mannes aus dem ersten Stock der Münchner Chirurgischen Universitätsklinik? Selbst Professor Christian Barnard verlor im letzten Jahr eine Patientin, weil sie sich nach einer Herztransplantation aus dem Fenster ihres Zimmers im 4. Stock stürzte.

Eine neue Untersuchung der Münchner Psychiatrischen Universitätsklinik an 150 Patienten der Abteilung für Herzchirurgie an der Chirurgischen Klinik versuchte, diese Verhaltensweisen zu ergründen. Mehr als die Hälfte der Patienten machen demnach kurz nach dem Eingriff eine Phase der Desorientiertheit, der Depression, der Apathie, der Depersonalisation oder auch des Wahnes durch. Und mehr als ein Viertel dieser Kranken litt noch Jahre später unter mehr oder weniger ausgeprägten psychischen Störungen, zumindest unter "furchterregenden Alpträumen".

Dabei wurden von vornherein die für Außenstehende verständlichen, also allgemein-menschlichen, einfühlbaren Ängste ausgeklammert und als normale Reaktion gewertet. Es wurde auch berücksichtigt, daß die Kranken zur Zeit der ersten psychiatrischen Untersuchung, während der ersten Tage nach der Operation, in der Intensivstation untergebracht waren – einem Raum mit wenigen Betten und viel Inventar: akustisch und optisch den Herzschlag anzeigenden Monitoren, saugenden und zischenden Beatmungsgeräten, raschelnden Sauerstoffzelten, klirrenden Infusionsständern und der 24stündigen Geräuschkulisse, die eine ständige Überwachung durch Ärzte und Schwestern mit sich bringt. Immerhin nahmen etwa 40 Prozent der untersuchten Patienten diese Situation als selbstverständlich hin und zeigten sich psychisch unauffällig. Meist handelte es sich dabei um jüngere Patienten im Alter bis zu 30 Jahren, die auch physisch die beste Konstitution aufwiesen.

Von den 150 beobachteten und befragten Patienten entwickelten mehr als 21 Prozent Depressionen. Gut 15 Prozent gerieten in ein zeitweiliges Delirium, je etwa neun Prozent der Kranken querulierten oder entwickelten paranoide Wahnvorstellungen. Vier Operierte zeigten formale Denkstörungen, die sich zumeist in "wirrem Gerede" äußerten. Drei Patienten starben im Koma.

Allen Gruppen gemeinsam war der Ausdruck der Angst: Apparate könnten versagen; das Herz, dessen Schlagfolge sie auf dem Monitor beobachteten oder bei unregelmäßiger Aktion auch akustisch durch einen Pfeifton wahrnahmen, könne aussetzen; der Besuch der Verwandten werde der letzte sein, der mitgebrachte Blumenstrauß als Grabschmuck dienen. Und auch die Angst vor dem Unabwendbaren, Unbekannten – zum Teil verursacht durch nur oberflächliche Aufklärung über die unmittelbaren Operationsfolgen oder durch die geschäftige Gleichgültigkeit des Personals – schlug in Halluzinationen, in Verfolgungswahn oder anderen wahnhaften Vorstellungen nieder. Patienten, kurz vor ihrer Entlassung aus der Klinik befragt, beschrieben, wie sie ihren eigenen Tod erlebten, wie sie im Arzt ihren Mörder sahen, wie sie mit wilden Bestien zu kämpfen hatten, wie ihnen Arme und Beine herausgerissen wurden, wie sie ihren Kopf an der Zimmerdecke hängen und um sich blicken sahen.