Von Ruth Calé

Jerusalem, im September

Die erste Begeisterung, mit der die Israelis die unerwarteten Ergebnisse des Camp-David-Treffens begrüßt haben, weicht langsam einer gewissen Ernüchterung. Natürlich begrüßt die große Mehrheit die Aussicht auf einen wahren Frieden noch vor Jahresende und zweifelt das mühevoll ausgeknobelte Rahmenabkommen nicht an. Dennoch scheint schon eine Art "Friedens-Trauma" eingesetzt zu haben, in dem viele offene Fragen in den Vordergrund treten und Verwirrung schaffen.

Im Vordergrund steht die Tatsache, daß auf arabischer Seite das ganze Projekt vorläufig auf einem einzigen Mann ruht, auf dem ägyptischen Präsidenten Sadat. Man schätzt hier richtig ein, wie sehr ihn seine Friedenspolitik in der arabischen Welt vereinsamt hat; die meisten teilen nun die Meinung von Verteidigungsminister Eser Weizman, der seit Sadats Jerusalem-Besuch im November behauptet, der Friedenswunsch des ägyptischen Staatschefs sei echt. Aber angesichts der Tatsache, daß Sadat von mehreren engen Freunden und Beratern, die in Camp David mitverhandelt hatten, unmittelbar hinterher verlassen wurde, und daß Ägypten mit offenbar viel weniger Enthusiasmus als Israel das Friedensprojekt betrachtet, erhebt sich die bange Frage, wie lange sich Sadat behaupten kann. "Die ägyptischen Streitkräfte stehen weiter verläßlich hinter ihm, aber für einen wahren Frieden mag das nicht ausreichen", meint ein Staatswissenschaftler in Jerusalem.

So wird wohl viel davon abhängen, ob König Hussein bald in den Friedensprozeß einbezogen wird oder wartet, bis die fünfjährige Übergangsperiode mit Selbstverwaltung in Westjordanien und im Gaza-Streifen abgelaufen ist. Dazu braucht es vornehmlich ein unterstützendes Kopfnicken des mächtigen saudiarabischen Königs Chaled. Ohne seine Zustimmung kann sich der auch unter syrischer Fuchtel stehende jordanische Herrscher nicht zu diesem Schritt durchringen.

Als "besonders erfreulich" gilt hier Sadats Entschluß, einen Sonderfrieden nicht mehr zu scheuen. Außenminister Moshe Dayan war immer davon überzeugt, daß Ägypten den ersten großen Schritt allein tun solle, um andere arabische Regierungen an den Verhandlungstisch zu bringen. Er hatte 1949 in Rhodos die Waffenruheabkommen und 1974 mit Henry Kissinger die Entflechtungsverträge für den Sinai ausgehandelt; in beiden Fällen hatte Ägypten auch jeweils den Reigen allein, ohne seine arabischen Partner, eröffnet.

Allerdings kann Sadat seinen arabischen Kritikern eine lange Liste von Konzessionen vorlegen, die ihm Präsident Carter von den Israelis abgerungen hat. Schmerzlicher als die Aufgabe wichtiger militärischer Installationen, wie die großen modernen Luftwaffenbasen im Sinai (die Errichtung von zwei Alternativ-Basen im israelischen Negev werden die Amerikaner finanzieren) und der strategische Stützpunkt von Scharm el Scheich, ist für die Israelis die Aufgabe ihrer fünfzehn Siedlungen im nordwestlichen Teil der Halbinsel.