Von Ralf Dahrendorf

Was tut die Arbeitsgesellschaft, wenn ihr die Arbeit ausgeht? Die Frage hat Hannah Arendt schon vor zwanzig Jahren gestellt (in unserem Buch Vita activa); die Antwort könnte wohl zu einem Kernproblem der Gesellschaftspolitik der Zukunft werden. Die folgenden, eher aphoristischen Überlegungen lösen das Problem nicht; sie sind ohnehin eher ein Versuch des Verständnisses als ein Vorschlag zur Änderung.

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Geht uns denn die Arbeit aus? So leicht ist es nicht, den Sinn der Aussage zu verstehen. "Wir", das sind zunächst einmal die Bewohner der entwickelten Länder der Ersten Welt, der OECD-Länder. Nimmt man die Statistiken der Arbeitslosigkeit, dann sind es zudem nicht alle, vor allem nicht die Männer im Alter von 25 bis 50 Jahren, denen die Arbeit ausgeht. Daß in den sozialistischen Ländern dasselbe geschieht, kann man nur vermuten; doch versteckt sich die Arbeitslosigkeit hier hinter verbreiteter Unterbeschäftigung. In den Entwicklungsländern ist die Arbeit vielfach noch gar nicht. eingekehrt, so daß sie schwerlich ausgehen kann.

Daß "die Arbeit ausgeht", muß heißen, daß es nicht genug Berufe und innerhalb von Berufen nicht so viel zu tun gibt wie die Menschen gerne tun wollen. Nun kann man lange darüber streiten, ob es sich bei der neuen Arbeitslosigkeit um ein konjunkturelles Phänomen, um längerfristige Konjunkturen (Kondratieff-Zyklus) oder um eine strukturelle Frage handelt. Gehen wir einmal versuchsweise davon aus, daß es ein strukturelles Problem gibt: Auch bei abnehmender Bevölkerung gibt es nicht genug Stellen für alle. Viele, die eine Stelle haben, sind tatsächlich unterbeschäftigt. Es gibt eine Tendenz, um die Zeit, die Menschen am Arbeitsplatz zubringen, zu verkürzen. Gäbe es ein Maß für die "gearbeitete Zeit pro Person pro Jahr", so zeigte sie eine deutlich rückläufige Tendenz, und es hat möglicherweise eine wichtige Schwelle unterschritten.

An Erklärungen für das Phänomen fehlt es ja nicht. Sie sind teils technisch, teils ökonomisch. Technisch gilt, daß die Dimension der Produktivitätssteigerungen durch technische Entwicklung die der Steigerung menschlicher Erwartungen und Bedürfnisse weit überschritten hat. So schnell können Menschen gar nicht mehr kaufen wollen wie sie in der Lage sind, mehr zu produzieren. Der Eindruck drängt sich auf, daß der technische Fortschritt, den Arbeiter immer gefürchtet haben, die technischen Neuerungen, die Arbeiter gerne sahen, eingeholt hat.

Heute hat die Furcht vor dem technischen Fortschritt reale Gründe. Auch für Investitionen bedeutet dies übrigens Zurückhaltung, eine sehr wache Müdigkeit. Zugleich gibt es das ökonomische Phänomen, daß die Steigerung der Reallöhne manche Berufe schlicht vom Markt "gepreist" hat. Auch das ist ein Paradox: Höhere Einkommen sollten Menschen in die Lage versetzen, sich Dinge zu leisten, die vorher wenigen vorbehalten waren; nun aber stellt sich heraus, daß eben diese höheren Einkommen solche Dinge unerschwinglich machen. Es verschwindet nicht nur das Dienstmädchen und der Gepäckträger, sondern auch der Tapezierer, der Gärtner, der Bäcker, die Schneiderin. Arbeit wird durch angemessene Entlohnung beseitigt.