Von René Drommert

Vorsicht in Burgund! Es ist keineswegs nur voller Schönheiten, wenn deren auch Legion sind: Unübersehbar und unerschöpflich sind landschaftliche und künstlerische Reize, sind kulinarische Attraktionen. Burgund ist, wenigstens oberflächlich betrachtet, auch voller Ungereimtheiten, Widersprüche und Fallgruben. Ich finde es gar nicht verwunderlich, daß die Autorin berühmter Briefe an ihre Tochter, die ehrwürdige Marquise de Sévigné, wie sie selber gestand, in Burgund, und zwar in Saulieu (von Vichy nach Autun unterwegs), sich einen ganz schönen Schwips angetrunken hat. Und zwar zum erstenmal in ihrem Leben. Das war 1677, und das kann unmöglich nur an den Reizen der großen burgundischen Weine gelegen haben.

Doch nicht für Wein werben die großen Schilder an den Autostraßen und auf den Märkten, sondern für "moutarde", für den Senf, der anderen kulinarischen Spezialität Burgunds. Nur ein scheinbarer Widerspruch ist es, wenn man auf einer Wiese neben einer Hauptstraße plötzlich fast mannshohe Versalien sieht, die sich über zehn, fünfzehn Meter ausbreiten und das Wort "ALLELUIA" bilden.

Das Weltliche und das Religiöse – in dieser historischen Landschaft sind sie frei von Widerspruch, kommen sie zueinander ohne Heuchelei. Man wird in den burgundischen Klöstern, im herrlichen Cluny (südlich von Dijon) zum Beispiel, im nicht, minder schönen Vézelay, in Autun, Roms "Schwester und Nacheiferin", in vielen anderen Klöstern zum Nachdenken angeregt, wie das Leben der Mönche verlief. Da war ja nicht nur Insichgekehrtheit und Bezug aufs Jenseits. Da war auch eine sehr wache realistische, ja zur Aggressivität tendierende Selbstbehauptung gegenüber dem Staat und der "Gesellschaft". Die sieben Kreuzzüge vom 11. bis zum 13. Jahrhundert belegen es, die ja nicht mit zum Gebet gefalteten Händen, sondern mit eingelegter Lanze ausgefochten wurden.

Wie konnten aber in friedlichen Zeiten die Mönche das Diesseits mit dem Jenseits versöhnen? In Burgund schlug der Wein eine dieser Brücken, wenn man den Mönchen von Citeaux (wenige Kilometer südlich von Dijon) Glauben schenkt: "Qui bon vin boit, Dieu boit" – "Wer guten Wein trinkt, trinkt Gott."

Man bekommt in Burgund wieder einmal eine Ahnung davon, wie fragwürdig es ist, das Mittelalter, gönnerhaft seiner eigenen Zeit zugewandt, als "finster" abzuqualifizieren. Da müssen Zentren von vibrierender Geistigkeit und temperamentvoller Initiative existiert haben, und nicht jedes Kloster beharrte in dämmeriger Introvertie.

Vom geschichtlichen Glanz blieben die steinernen Zeugnisse und die Erinnerung. Heute wird der Ruhm dieser Region von ihren Reben bestimmt. Um den Geschmack des Weins nicht nur des burgundischen Höhenzugs "Côte-d’Or" zu bezeichnen, hat man an der Universität von Dijon nicht weniger als 250 Kategorien ermittelt. Man kann zum Beispiel herausschmecken (wenn man’s kann), ob vor der Weinlese neben dem Weinberg Kirschbäume standen oder Heu lag. Erzählt ein Professor. Wir krassen Laien dürfen uns mit einem schlichten Ritus begnügen: den Wein in einem Glase, das sich nach oben verjüngt, schwenken, dann riechen, aber nur mit einem Nasenloch, und zwar nicht gleichmäßig, sondern stoßweise einatmend. Dann zwei Schluck. Den ersten zur Prüfung des Säuregehalts, der hinten im Halse getestet wird. Den zweiten Schluck zur Prüfung der Süße. Beides muß in einer bestimmten Proportion zueinander stehen. Nach des Weinprofessors Meinung sollte ein Rotwein, der auf den Tisch kommt, die Temperatur von 18 Grad haben, nicht etwa die vage "Zimmertemperatur", ein Weißwein zehn bis elf Grad, wenn es sich um eine mittlere oder gar mindere Qualität handelt. Handelt es sich um einen großen Wein, dann sind sogar 14 bis 15 Grad zu empfehlen.