Von Dietmar Schnackenberg

Die Sonne kriecht aus ihrem Versteck hinter den Bergen hervor. Über die Avenida Santa Rosa weht ein warmer Wind. Kinder plärren, Hunde kläffen. Der Wind wirbelt Staubwolken und Müll empor. Die Avenida hat diesen Namen nicht verdient: kein Baum, kein Strauch, kein grüner Zweig. Das Kinderheim, das wir besuchen, steht in einem Wüstengebiet im Stadtteil Tablada de Lurin, 20 Kilometer südlich von Lima. Hier riecht es nach Elend, hier ist es zu Hause.

Die Jüngsten sind fünf Monate, die Ältesten 14 Jahre alt; 60 armselige Geschöpfe. Lumpen schlottern um ihre dürren Körper: Halbwaisen, deren Mütter oder Väter bei den Reichen putzen oder waschen oder auf den Märkten billiges Obst verkaufen. Viele Kinder haben keine Eltern mehr.

In der Bruchbude, die großspurig "Kinderheim" genannt wird, fehlt es am Notwendigsten; an einer Kanalisation, an elektrischem Licht, von fließend kaltem und warmem Wasser ganz zu schweigen. Es ist ein Kinderheim ohne Komfort, in dem die Ärmsten der Armen aufwachsen – wenn überhaupt.

Federico ist zwei Jahre alt. Sein Bauch wölbt sich wie eine Trommel unter dem zerrissenen, schmutzigen Hemd: Proteinmangel. Seine Lebenserwartung? Niemand wagt eine Prognose. Der kleine Indio aber ist kein Einzelfall. In den Därmen der anderen rumoren Schmarotzer und Amöben. Die meisten haben Leberschäden, Anämie, Läuse und Ausschlag. Unterernährt sind sie alle reif für das Krankenhaus.

Zweimal in der Woche kommt der Tankwagen und bringt eine Wasserbrühe, die nur in gekochtem Zustand genießbar ist. "Wenn wir nur frisches Wasser hätten!" seufzt Christa Maria Stark (34), eine quirlige, temperamentvolle Entwicklungshelferin aus Hamburg. Sie ist auf Spenden der Arzneimittel-Hersteller angewiesen für den Arzt, der wöchentlich vorbeischaut und alle Hände voll zu tun hat.

Die Bonbons, die wir mitgebracht haben, erfreuen sich größter Beliebtheit. "Caramelos, caramelos", rufe ich den Kleinen zu, die hungrig und erwartungsfroh auf mich zustürzen. Caramelos sind Leckerbissen für sie. Das ist etwas anderes als die trübe Fischsuppe mit Graupen oder Maismus.mit den Kartoffelscheiben.