"My Lords, Ladies and Gentlemen!" oder nur "Genties all!" fingen die Vorreden zu den Theaterstücken und "Masques" der Elisabethaner meistens an. Dann eine Apologie für die kommende Leistung und ein Lob und Dank dem "Patron" der Spieler, dem noblen Herrn, der die Aufführung ermöglicht hat, sie sich gewünscht hat. So soll auch diese Aufführung beginnen, mit einem Lob und Dank an Ivan Nagel, der das Theater liebt und diese und viele andere phantasievolle Theateraufführungen ermöglicht hat, der als erster seit Gustaf Gründgens diesem Hamburger Schauspielhaus großes Theater, Theater von internationalem Rang zurückgegeben hat. Er hat dies getan mit großer Hingabe und seinen Gegnern zum Trotz. Einen echten Freiraum für künstlerische Phantasie zu schaffen, in einer überbürokratisierten deutschen Gegenwart, in diesem Land, in dem meistens Theater nur ein politisches Alibi darstellt, ist ein Wunder. Dieses Wunder soll, sagt man, so mir nichts; dir nichts mit Ende dieser Spielzeit enden. Nun ja, leichtfertiges Theater, das die Kassen füllt und keinen Anstoß verursacht, ist, kurzsichtig gesehen, vorzuziehen, und Politiker, die gewählt werden wollen, müssen sich nach dem einfachsten Nenner richten. Wenn sie mit ihrer Kurzsichtigkeit den zur Zeit einzigen deutschen Theaterleiter von Bedeutung vertreiben würden, würde es ihnen die Theatergeschichte nicht verzeihen. Darum lassen wir es uns doch so denken: das alles, die Hysterien und Kurzschlußhandlungen, die dieses Theater zu zerstören drohen, waren ein "Sommernachtstraum" – und jetzt, versöhnend, befreiend, kommt das "Wintermärchen", wie bei Shakespeare gar kein Märchen, eigentlich kein Wunder, sondern die Harmonie, die kommt, wenn Menschen sich besinnen. Also, "Genties all", wünschen Wir Ihnen Spaß und Spannung diesen Abend. Und Besinnung.

Peter Zadek im Bilderbuch zum "Wintermärchen" (Photos: Gisela Scheidler), das zur Premiere im Verlag J. H. Schmalfeldt, Bremen, erschienen ist

Intendantenbörse

Peter Zadek feiert Ivan Nagel (siehe unser Motto) – das ist im Karrierekampf um das deutsche Theater, der zunehmend ein Vernichtungskampf aller gegen alle zu werden droht, ein fremder, weil freundschaftlicher Ton. Doch die Sache hat eine besondere Pointe: von allen Kandidaten um die Nachfolge Ivan Nagels ist Peter Zadek derzeit der weitaus chancenreichste – zumal der Jubel des Hamburger Premierenbürgertums nach dem "Wintermärchen" auch das grimmigste Vorurteil gegen Zadek widerlegt hat, jenes, er mache Theater gegen das Publikum. Vielleicht also hat man in Hamburg schon bald einen neuen Intendanten. Noch immer keinen Intendanten, noch immer keinen Nachfolger für Hans Lietzau hat man in Berlin, wo der Kultursenator Sauberzweig denkbar unglückselig agiert. Erst hatte er sich einer durchaus attraktiven Personenkonstellation (Rühle, Zadek, Bondy, Dresen) widersetzt, dann kam er zu der Meinung, daß ausgerechnet Hans-Peter Doll (Stuttgart) Deutschlands bester Intendant sei. Doli wiederum, der sich lauthals, doch zu Unrecht das Hauptverdienst an Claus Peymanns Stuttgarter Erfolgen zuschreibt, gewann durch das Berliner Angebot jäh an Attraktivität, kokettierte auch mit Hamburg, um zuletzt einen Vertrag gleich bis 1988 samt großzügiger Altersversorgung in Stuttgart zu unterschreiben. Doli bleibt also, wo er ist, und das ist gut so. Nur in "Stuttgart selber findet, man diese Lösung nicht so doll. Wolf gang – Ignée in der Stuttgarter Zeitung "Es ist, übrigens; heute immer die Rede Von der Zeit der Manager, die angeblich ausgebrochen sei: Das ist ein Irrtum: in Wirklichkeit ist es nur an der Zeit, daß die Manager den Politikern helfen, das Theater wieder auf Ordnungskurs zu bringen. Schlimmer noch: Der Manager, der in der freien Wirtschaft an seinem Ort sein mag, ist am Theater der Vorbote des Beamten geworden." Und noch das jüngste Gerücht: Der Senator Sauberzweig will jetzt Ivan Nagel einen Antrag machen. Doch "der zur Zeit einzige deutsche Theaterleiter von Bedeutung" scheint, von kulturpolitischen Intrigen zermürbt, bis zur Stunde fest entschlossen, nie wieder Theaterleiter zu sein. Ob ihn ausgerechnet Sauberzweig, der glücklose Freier, von seinem Schwur abbringen wird?

Stadt, Stadtbild und Überleben

Die Ruhrstadt Recklinghausen hat, worum sie andere Städte beneiden könnten, eine Bürgerinitiative von bemerkenswerter Beständigkeit und imponierendem Sachverstand. Zu den Vorzügen dieser "Gruppe für Stadt- und Umweltfragen" gehört es, den Kritisierten mit konkreten (Gegen-)Vorschlägen zur Hand zu gehen. Jüngstes Produkt dieser Regsamkeit ist die Broschüre des Philosophiedozenten Heiner Mühlmann über "Stadt, Stadtbild und Überleben", Was sie nicht nur für Recklinghausen, sondern für viele Städte mit derlei Problemen interessant macht, ist die relativ versteckte Warnung, Bergarbeiter-Siedlungen (oder: andere von ähnlich einprägsamer Gestalt) einfach häuserweise zu verkaufen, sie zu privatisieren, also zu zerstückein. Seit dem berühmten Aufruf des Professors Roland Günter und einer Projektgruppe "Rettet Eisenheim" von 1972 droht das Thema so mißverstanden zu werden: als vorwiegend ästhetische oder vordergründig historische Restauration, bei der "das Schöne über allem schwebt, nirgendwo Wirklichkeit ist". Eine Bergarbeitersiedlung, wie es sie in Recklinghausen und anderswo gibt, bliebe aber nur erhalten, wenn sie auch weiter funktioniert, das bedeutet, daß ihr Charakteristikum... – Gemeinschaft, Nachbarschaft – bewahrt wird.