Von Fritz J. Raddatz

November 1976. Ganz Deutschland feiert den Beginn der Wiedervereinigung, denn heute hat die Viermächtekonferenz beschlossen, der Wiedervereinigung Deutschlands keine Hindernisse mehr in den Weg zu legen. Jubel überall: Jubel in Sachsen, Jubel am Rhein, Jubel in ganz Deutschland. Und überall das Lied: „Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen...“

Die deutsche Einheit als Spiel von Traum und Gebet: In diesem Ausschnitt aus einem Fernsehspiel des Norddeutschen Rundfunks finden sich alle jene Elemente, die Deutschlands Teilung auch sprachlich evident machen – Hoffen, Staunen, Dank an überirdische Mächte, Gläubigkeit. Glockenklang oder Tanzmusik – zwei Sprachgebärden der Irrationalität, Illusion statt konkreter Utopie, konsumierbar gemacht durch hergebrachte Chiffren von akustischer und optischer Kulisse: Blaskapelle, Fackelzug, Feuerwerk und Luftballons. Ein analysierbarer Vorgang wird entrückt in die Sphäre des mystifizierten Volksfestes.

Sprache West – Sprache Ost: Gibt es eine Lingua Quartii Imperii?

Unvergessen Victor Klemperers „Notizbuch eines Philologen“ L T I: „Lingua Tertii Imperii“ – Notruf eines von Büchern Ausgesperrten, der das Gift der nazistischen Sprache untersuchte; der von A wie artfremd, über fanatisch, garant und heroisch, bis Z wie KZ das Wörterbuch der Menschen analysierte. Es war ein intellektuelles Hoffnungsturnen ähnlich den Kniebeugen im Knast.

Beim arisch verheirateten Juden Klemperer, der überlebte, hielt sich die Hoffnung fest ans Sprachdetail – es mußte ihnen schlecht gehen, wenn der Volksempfänger plärrte „unsere heldenhaft kämpfenden Truppen“; heldenhaft klingt wie Nachruf. Sprache als Spurensicherung. Wo sich die Worte wie Entdunkeln, Enttrümmern, Bitterkeit gebildet hatten, und sei es die der zur Notzeit schmackhaft gemachten bitteren Kastanie.

Die lag nun im Feuer, und keiner holte sie heraus, man entnazifizierte ihn denn ...