Die Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, ihrer Größenordnung und ihrer Zielsetzung nach das bedeutendste Diskussionsforum der Ökonomen in unserem Land, hat in diesen Tagen in Hamburg wieder einmal eine Jahrestagung abgehalten. Thema: "Staat und Wirtschaft". Dieses Generalthema, bunt aufgefächert, hätte die Gelegenheit zu wegweisenden Referaten und fruchtbaren Diskussionen bieten und damit auch politische Wirkung haben können – wie schon vor über hundert Jahren, als der Vorläufer dieser Gesellschaft, der "Verein für Socialpolitik" die damals brennenden sozialen Probleme im Deutschen Reich diskutierte und mitunter sogar praktischen Lösungen näherbrachte.

Es hätte sein können – doch unsere Sozialwissenschaftler sind offenbar nicht mehr das, was sie einmal waren. Da versucht kaum mehr einer einen großen Wurf, da verschanzt man sich lieber hinter bizarren Wortgebilden, da trägt man Materialien vor, auf denen ein guter Wissenschaftler nach gründlichem Nachdenken vielleicht ein gutes Referat aufgebaut hätte – wobei er diese Materialien selbst dann kaum mehr erwähnt hätte. Die Sozialwissenschaften, deren Rat die Politiker so oft gebrauchen könnten, leider aber auch oft entbehren müssen: Sie scheinen zusehends ärmer zu werden.

Wie wäre es, wenn gestandene Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, die es ja auch noch gibt, die Vorträge bei den Jahrestagungen dieser traditionsreichen Gesellschaft halten, die Adepten, Assistenten und Assistenzprofessoren hingegen Diskussionsbeiträge leisten würden? Solche Tagungen würden vermutlich ertragreicher als die vergangenen – denn da lief es allzuoft umgekehrt. pl