Das Pendel ist in einem weiten Bogen zurückgeschwungen. Im vergangenen Jahr beherrschte tiefer Pessimismus die Weltwährungskonferenz in Washington. Nur wenige Länder hatten damals wegen der hartnäckigen Arbeitslosigkeit den Mut, die Fahne der Stabilität hochzuhalten. In diesem Jahr aber rollte hier eine Welle des gemäßigten Optimismus an. Alle Delegierten der 135 Mitgliedsländer und die mehr als fünfhundert Schlachtenbummler aus der-Bankenwelt haben sich davon anstecken lassen – je nach Temperament mehr oder weniger.

Als die aus der Bundesrepublik angereisten Bankiers aus privaten und öffentlichen Instituten von Bundesfinanzminister Hans Matthöfer über die Lage unterrichtet wurden, benahmen sich diese Herren über Milliarden wie eine Schulklasse, der einige Tage "hitzefrei" angekündigt wurde. Auf dem Empfang des Vorsitzenden der Jahresversammlung steckten sie mit ihrem Optimismus und ihrer. Ausgelassenheit alle ihre Gesprächspartner an. Am Ende waren alle zweitausend Gäste davon überzeugt, daß die Weltwirtschaft eigentlich ihre schwersten Stunden hinter sich haben müßte.

Nichts macht so optimistisch wie der Optimismus der anderen. Aber es ist nicht nur gute Stimmung – der Optimismus von Washington hat durchaus auch gute Gründe, auf die er sich stützen kann. Emile van Lennep, der Direktor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), sonst stets die Kassandra der Konferenz, hatte diesmal Erfreuliches mitzuteilen. Die Wachstumsrate der OECD-Länder (Europa, USA und Kanada) wird nach Schätzungen seiner Organisation 1979 zwar nicht viel höher sein als 1978 – vielleicht ein halbes Prozent –, aber durch Verschiebungen innerhalb der Gruppe werden sich die Wachstumsraten etwas annähern. Die amerikanische Wirtschaft wird nach dieser Prognose etwas langsamer wachsen als in diesem Jahr, während sich das Wachstumstempo in den meisten europäischen Ländern beschleunigen wird. Zu den Ländern, deren Aussichten relativ günstig beurteilt werden, gehört auch die Bundesrepublik. Damit würden zum erstenmal seit vielen Jahre die realen Wachstumsraten der europäischen Länder über der realen Wachstumsrate der Vereinigten Staaten liegen. Das Argument der Amerikaner, daß die unterschiedlichen Wachstumsraten für die Währungsunruhen verantwortlich seien, fiele dann in sich zusammen.

Aber damit nicht genug. Der Internationale Währungsfonds hat unter seinem neuen geschäftsführenden Direktor J. de Larosiere dem Optimismus eine weitere Stütze eingezogen. Er hat für 1979 eine deutliche Verringerung des amerikanischen Defizits aus dem Handel- und Dienstleistungsverkehr mit dem Ausland vorausberechnet und einen Abbau des japanischen Überschusses vorhergesagt.

Die Fondsziffern sind eindrucksvoll. Gegenüber dem laufenden Jahr wird sich das amerikanische Defizit 1979 um gut vierzig Prozent verringern: von 15 bis 16 Milliarden Dollar (nach der neuen US-Statistik, die der europäischen Methodik angepaßt wurde) in diesem Jahr auf etwa acht Milliarden Dollar 1979. Hinter dieser günstigen Prognose steht die Überzeugung, daß sich die Abwertung des Dollars, die Aufwertung der Mark und des Yen allmählich auch auf die Handelsströme über die Grenzen hinweg auswirken müsse.

Diese optimistische Schätzung geht allerdings selbst dem deutschen Bundesbankpräsidenten Otmar Emminger zu weit. Er, dem niemand eine Neigung zum Pessimismus nachsagen kann, bekannte freimütig, daß er sich diesen Optimismus nicht hundertprozentig zu eigen machen möchte. An einen Abbau des US-Defizits glaubt er gleichwohl, wenn auch nicht an seine Halbierung. Ähnliches gilt für den Abbau der japanischen Überschüsse. Den Fondszahlen zufolge sollten sie wegen der Ankurbelungsmaßnahmen Tokios und der Yen-Aufwertung von der Rekordhöhe dieses Jahres (19 Milliarden Dollar) im nächsten Jahr ganz wesentlich gesenkt werden.

Das amerikanische Zahlungsbilanzwunder kann aber nur zustande kommen, wenn die Regierung Carter eine überzeugende Antiinflationspolitik betreibt und die Wirtschaft um drei bis 3,5 Prozent wächst. Präsident Carter hat zwar vor den Delegierten angekündigt, er werde die Inflation energisch bekämpfen. Aber jedermann erinnerte sich, daß er das schon oft versprochen hat, ohne daß dann den Worten überzeugende Taten gefolgt wären. (Siehe auch Seite 23: "Alter Hund mit neuen Tricks?") Amerikanische Beobachter waren aber diesmal davon überzeugt, daß Carter den Aufwind aus der Vermittlung zwischen Israel und Ägypten in Camp David dazu nutzen werde, nun auch das dornige Inflationsproblem anzupacken.