Von Hans-Jürgen Heise

Dies ist der zweite Versuch Fritz Vogelfangs, die Lyrik von Octavio Paz in Deutschland heimisch zu machen. Das Buch stellt die Erweiterung einer Sammlung dar, die 1971 bei Luchterhand unter dem Titel "Freiheit, die sich erfindet" herausgekommen ist –

Octavio Paz: "Gedichte", spanisch und deutsch, Übertragung und spanisch von Fritz Vogelgsang; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 232 S., 14,80 DM.

Trotz einer kenntnisreichen und subtilen Einführung, die der Übersetzer schon damals in seinem Nachwort gab, wurde Paz jedoch nur der übliche Achtungserfolg zuteil, mit dem die Schriftsteller Lateinamerikas bei uns gemeinhin zu rechnen haben,

Im Falle des bedeutenden mexikanischen Lyrikers ist allerdings für die zurückhaltende Rezeption vermutlich noch ein zusätzlicher Grund mit im Spiel: die Kompliziertheit des Autors, der ein dualistisches Weltbild hat und zu archetypischem Denken neigt, zur Übernahme von maternistischen Kosmogonien: "Mondjungfrau, Mutter alles mütterlichen / Wassers, Körper der Welt und Hans des Todes, / ich falle von Geburt an ohne Ende, / falle in mich selbst, ohne Grund zu finden..."

nimmt der Marxist Octavio Paz am politischen Geschehen seines Landes leidenschaftlich Anteil, doch als Künstler vertritt er keinesfalls die Position eines "engagierten" Poeten. Vielmehr hat er über Literatur und Politik nuanciertere Ansichten als etwa die Vertreter der sogenannten "geistigen Guerilla", die seit Ende der fünfziger Jahre in Lateinamerika den Ton angeben. Der zivilisatorische Fortschritt etwa stellt sich Paz als ein Phänomen dar, das "die Geschichte mit Wundern und Monstren der Technik" bevölkert hat, das aber das Leben der Menschen sinnentleerte: "Er hat uns mehr Dinge beschert, nicht mehr Sein."

Paz hat ein ontologisches Poesieverständnis. Weil er – ähnlich wie der junge T. S. Eliot oder auch der vor-politische Neruda von "Aufenthalt auf Erden* – die Absurdität des modernen Lebens spürt, versucht er pantheistischen Vorstellungen Raum zu geben, wobei er einerseits an das mythische Erbe seiner aztekischen Vorfahren anknüpft, andererseits aber auch Anleihen bei fernen Denksystemen – und fremden Kulturen macht – so bei den ostasiatischen Religionen, bei der griechischen Naturphilosophie sowie beim französischen Strukturalismus, wo er sich Unterstützung für gewisse lingualistische Thesen holt.