Im Verlauf der Synode der evangelischen Kirche in der DDR in Ost-Berlin haben sich Geistliche besorgt über faschistisches Denken in der DDR geäußert.

Erklärung von Superintendent Ludwig Große aus Saalfeld in Thüringen: Im Umgang mit jungen Menschen und im Umgang mit älteren Menschen habe ich so viele. Erfahrungen gemacht, daß die Vergangenheit nicht bewältigt wurde, ja der Versuch zur Bewältigung überhaupt nicht begonnen wurde, daß ich für die Zukunft hier ganz große Gefahren sehe. Wenn wir die Diskussion über das, was 1938 geschehen ist, in unserem Lande mit wachen Ohren hören... und sehen, was getan wird, kann man den Eindruck gewinnen, daß wir in unserem Lande – ich spreche von der Deutschen Demokratischen Republik – die Vergangenheit geographisch bewältigt haben, nämlich damit, daß wir so tun, als sei alles das, was zu 1938 gehörte, nunmehr längst westlich von Fulda und Werra angesiedelt und wir hätten damit nichts zu schaffen. Das hat verheerende Folgen. Es ist zum Beispiel in unserem Lande nicht der Versuch gemacht worden, sich mit einer Geisteshaltung auseinanderzusetzen, die ich heute in einer unerträglichen Weise noch immer oder schon wieder in unserem Lande vorfinde. Da redet man, als ob nichts gewesen wäre, von Pollacken und diskriminiert die Bürger der Volksrepublik Polen, da wo sie arbeiten, auf eine unerträgliche Weise... Nicht in der Bundesrepublik, sondern in der Deutschen Demokratischen Republik ... Ich sehe mit Entsetzen, daß solche Haltung noch gefördert wird durch den an manchen Stellen vielleicht berechtigten Stolz auf das, was in unserem Lande geleistet worden ist. Gefördert dadurch, daß wir immer nur hören und lesen können, wir packen’s, wir haben’s, wir schaffend, wir können’s – als gäbe es keine Schwierigkeiten... 40 Jahre sind seit der Kristallnacht vergangen. Ich habe den. Eindruck, daß wir die Erziehung an diesem Punkte noch beginnen müssen, und daß uns nichts mehr geschadet hat als die Behauptung, dies alles sei allein in der Bundesrepublik virulent. Das stimmt nicht. Herr Brecht hat gesagt: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch." Er ist es auch in unserem Land. Und es muß der Versuch, der ganz ohne Zweifel nach 40 Jahren schwierige Versuch, unternommen werden, hier die ersten Schritte zu tun. Es geht nicht an, daß wir in unserem Teil des Landes unentwegt Erfolge, Erfolge und noch einmal Erfolge vermelden, ohne innerlich teilzunehmen an der wirtschaftlich schweren Lage, beispielsweise unserer polnischen Nachbarn, an der wir mit beteiligt sind, wenn wir die Zeit vor 1945 nicht als eine ansehen, die wir nach drüben abschieben können ..., das kann uns niemand abnehmen... festzustellen, daß wir mitbeteiligt sind. Auch die Bevölkerung dieses Landes. Denn sie war mitbeteiligt am Schweigen, am Zulassen, am Mithetzen und am Mitinbrandstecken und Plündern in der Kristallnacht von 1938. Ich sage das nicht und spreche damit ein Urteil über vergangene Zeiten, ich frage mich, wieviel davon ist heute bei uns eigentlich in Scham und Demut fruchtbar geworden. Ich sehe mit Entsetzen, daß Bürger unseres Landes ohne Gefühl für die schwere Schuld, die wir tragen und die wir nicht auf irgend jemand einfach weitergeben können, als hätte es uns nicht gegeben, Auschwitz als ein Museum behandeln und betreten.

Stellungnahme von Bischof Schönherr: In der Konferenz haben wir noch einmal die Worte bedacht, die der Bruder Synodale Große im Anschluß an die Bemerkung über die Kristallnacht gemacht hat. Wir haben aus seinen Worten die Sorge herausgehört, die das Verhalten vieler Menschen auch in unserem Land, auch vieler Jugendlicher gegenüber Juden oder auch gegenüber den Nachbarvölkern, erregen muß. Es war nicht der Sinn seines Beitrages, die objektiven Voraussetzungen, die in unserem Staat vorhanden sind, in Frage zu stellen. Also etwa den Unterricht in der Schule, die Schulbücher oder die Gesetze. Daß man sich in unserer Gesellschaft bemüht, das schreckliche Erbe des Faschismus zu überwinden, ist ohne Zweifel. Das, worüber er sich äußern wollte, und das, was vermutlich auch viele teilen, ist das Erschrecken darüber, wieviel dann noch immer hochkommt. Und manchmal nicht nur als Erinnerung hochkommt, sondern neu hochkommt. Das, was also manchmal an Jugendlichen zu bemerken ist, die aus irgendwelchen seltsamen Gründen anfangen, so eine Art Judenpogrom zu spielen oder so etwas. Wir wissen alle, daß das, wenn es bekannt wird, dann auch entsprechend in der Schule behandelt wird oder auch sonst, aber die Tatsache, daß es überhaupt kommt, das ist etwas, das uns in der Tat sehr beunruhigt.