Von Horst Böhling

Eine sentimentale Reise nach China, ins Land der harten Wirklichkeiten, gibt es das? Ich finde, ja. Besonders, wenn man sich mit dem Land und seiner Kultur beschäftigt und dort früher gelebt hat. On revient toujours à ses Premiers amours...

Noch besser ist es, wenn man die Sprache spricht und – wie ich bereits vor einiger Zeit eine Chinareise mit offiziellem Programm absolviert hat. Dann kann man Angebote auf Besichtigung politischer Einrichtungen und Kommunen freundlich ablehnen und, soweit gestattet, eigene Wege gehen.

Das tat ich diesmal, und es blieb allein meine Welt übrig: die der Berge und Flüsse, der Wälder und Seen, verklärt von meiner Erinnerung und dem Erleben während vieler Jahre unter einem freundlichen und höflichen Volk. Ich wollte besonders Peking und die Gegend um Nanking, das Kiangnan, wieder besuchen sowie im Süden Kweilin.

Vergleicht man die politische Atmosphäre während der beiden im Abstand von zwei Jahren aufeinanderfolgenden Reisen, so war es wie vor und nach einem Gewitter. Das erstemal lag Spannung in der Luft: Mao war krank, Tschou En-lai im Krankenhaus, die Nachfolgekämpfe zeichneten sich am Horizont ab. Diesmal war die allgemeine Lage wieder klarer. Für Mao hatte man ein monumentales Mausoleum gebaut, und alle Unzulänglichkeiten der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart wurden auf die „Viererbande“ geschoben. Sie war eliminiert, irgendwo in Ehrenhaft. Das Volk atmete auf.

Der unvermeidliche Krieg mit der Sowjetunion war das Thema Nummer zwei, das in Gesprächen immer wiederkehrte. Jeder Mann des Volkes sprach davon. Hätte ich Hua Kuo-feng gesprochen – er hätte mir auch nichts anderes gesagt. Vor diesem politischen Hintergrund trat ich meine sentimentale Reise an.

Das Visum traf mit der Aufforderung ein, am 1. September früh auf dem Bahnhof in Kowloon zu sein. September ist der schönste Monat für eine Chinareise, glaube ich. Der Herbst in China hat herrliche, lichterfüllte Tage, blauen Himmel und Kühle.