Von René Drommert

Der Unbekümmertheit des Kunstgenusses wird der Garaus gemacht. Fraglos kann man in die Ausstellung, die sich scheinbar verwaschen, in Wirklichkeit aber eher schon etwas heimtückisch "Die Sprache der Bilder" nennt, in naiver Verfassung gehen. Man kann sich gewohnheitsmäßig an der Malerei, an Farbe, Komposition, Lebendigkeit der Figuren, beredter Mimik und Gestikulation, an der Trefflichkeit der Beobachtung von Mensch, Tier und Ding erfreuen. Und man kann dabei, zunächst einmal durchaus legitim, seine eigene Reaktionsfähigkeit auf Kunstwerke schlicht funktionieren lassen, Man kann dabei Subjektivität mit genießerischem Selbstbewußtsein unbehelligt ins Spiel bringen, Man braucht sich auch gar nicht, oder nur in zweiter Linie, um die Betrachtung des Gegenständlichen in bezug zur Form, um die Ikonologie und ihre Verzahnung mit historischen Abläufen zu kümmern.

Aber doch. Da erhebt der Veranstalter Rüdiger Klessmann (Direktor des Herzog Anton Ulrich-Museums) den (gar nicht schulmeisterlichen) Zeigefinger. Er erklärt die so naive Betrachtung niederländischer Kunst des 17. Jahrhunderts für ein unzureichendes Verfahren. Man muß sich, kunsthistorisch herkömmlich geschult oder nicht, erst aufklären lassen. Klessmann, der sich auf die vortreffliche Zeugenschaft des Utrechter Kunsthistorikers Professor E. de Jongh beruft, stellt der Methode naiver Bildbetrachtung ein dezidiertes Nein entgegen. Er gebraucht für seine Auffassung das einleuchtende Argument, daß ein wesentlicher Teil der hier vorgeführten Kunst "verschlüsselte Botschaften" enthalte. Im Laufe von drei Jahrhunderten ist die Kenntnis von der Bedeutung vieler Motive verkümmert und verschwunden. Sie muß entschlüsselt werden.

Die dem Betrachter gar nicht willkürlich, sondern ganz natürlich auferlegte Aufgabe, "Botschaften" – oder schlicht Informationen – zu entziffern, – gelegentlich simpel, öfter kompliziert. Es handelt sich zuweilen um Symbole, zuweilen um Allegorien, oft um Embleme: Um "Zeichen", die mit einer bestimmten (oder vagen) Bedeutung gekoppelt sind. Konrad Renger, Konservator an der Staatlichen Graphischen Sammlung in München, meint in einem ganz ausgezeichnet kommentierenden Artikel, "der Dualismus von Realität und allegorischer Bedeutung gehört zum Wesen der holländischen Malerei" jener Zeit. Die Zwiebel bedeutet Sinnlichkeit, der Affe "weibliche Verführung und Sinnlichkeit, fung", der Hase Fruchtbarkeit, aufsteigender Rauch verschwindendes Leben. Wenn Jäger Frauen Rebhühner anbieten, dann sind damit "erotische Dinge" gemeint.

Auffälliger, ja zuweilen verblüffend sind jene Fälle, in denen der "Schein" trügt, die Bedeutung durch das Angeschaute für uns Menschen des 20. Jahrhunderts nicht nur gar nicht sinnfällig wird, ja nicht einmal irgendwie verschlüsselt ist, sondern das Gegenteil von dem bedeutet, was wir vermuten. Kinder, die mit heiterer Miene Seifenblasen steigen lassen (wie auf einem Gemälde von Cornelis de Vos), sind nicht etwa als Vertreter aufblühenden Lebens und naiver Spielfreude gemeint, sondern als Ermahner an die Vergänglichkeit. Es ist ein Memento mori-Motiv, ein "Erinnern an den flüchtigen Glanz alles Irdischen".

Gegen solch eine Deutung kann man sich nur gelegentlich sträuben. Die Methode ist oft ausreichend belegt: durch druckgraphische Vergleichsstücke etwa, von denen in Braunschweig (in Schaukästen) informative Beispiele versammelt sind. Oder durch schöngeistige Literatur, zumal da Malerei und Literatur im 17. Jahrhundert als "Schwesterkünste" klassifiziert wurden, Oder durch wissenschaftliche Abhandlungen, besonders solche, die, nicht selten mit Rückgriffen auf die Antike, speziell dem Problem der Embleme gewidmet sind, etwa von Andrea Alciato, Jacob Cats, Johannes de Brune, Petrus Baardt, Cesare Ripa. Mittelbar gehören auch Aby Warburg und Erwin Panofsky dazu.

Nur zögernd kann man der Interpretation folgen, welche die Dinge auf den Kopf stellt. Das geschieht zum Beispiel bei einem Bilde wie "Der Soldat und das Mädchen" des Utrechter Malers Gerrit van Honthorst (1590 bis 1656). Die Situation ist zunächst eindeutig. Der Soldat faßt an eine ihrer Brüste, die entblößte; er lächelt dabei. Das Mädchen, so liest man’s wenigstens im Katalog, bläst auf die glühende Kohle, die sie in der Zange hält, um daran ihre Kerze zu entzünden. Und man liest: Kohle und Kerze seien "Anspielungen auf Erotik und Liebe, deren entzünden. in Emblemenbüchern zu finden ist".