Von Fritz J. Raddatz

So geht, das nicht. Hier hat. jemand den eklatanten Beweis dafür geliefert, wie Kunstlosigkeit ein großes Thema vernichtet. Was der Autor mit diesem Roman –

Edgar Hilsenrath: "Nacht", Roman; Literarischer Verlag Braun, Köln, 1978; 512 S., 34,– DM

geschaffen hat, ist fast ein neues Genre: das Breitwandbuch. Statt Grauen zu fixieren, wird es breitgetreten, statt das Entsetzen zu bannen, wird es behäbig gemacht; damit konsumierbar. Das Buch ist eine Katastrophe.

Aus miserablem Gewissen kehrt die deutsche Literaturkritik ihre Kriterien beiseite. Vielleicht hilft da die Anekdote, derzufolge Gustaf Gründgens, als er mit dem heiklen Fritz Grundprobte, zu seinem Stargast sagt: "Herr Kortner, können wir uns gleich erst einmal darauf, einigen, daß Sie, wenn ich Sie von links aufzutreten bitte, mich nicht einen Antisemiten schimpfen?" In Übersetzung: Hier wird nicht ein Schicksal rezensiert, sondern ein Buch. Und so erbarmungslos das Schicksal des Edgar Hilsenrath war, so erbärmlich ist Sein Buch.

Es ist die Geschichte der ins rumänische Getto verschleppten Juden, die dort, in einer Art Freiluft-KZ, vertieren. Ihr Elend, ihre zur Ratten-Verhuschtheit erniedrigte Existenz, will Hilsenrath zu einem Fresko machen; er hat dabei gewagt, nichts zu verschönen, hat wohl beabsichtigt, unseren Zorn zu wecken statt unser Mitleid, indem er schonungslos die wölfisch sein läßt, die von den Herrenmenschen um ihre Würde, ihr Menschsein gebracht wurden. Die Szenen des Buches, in denen etwa einem Nochnicht-Toten die Stiefel für den Schwarzmarkt abgezogen, einem Noch-nicht-Erkalteten die Goldzähne aus dem Munde gebrochen werden, eine Kaum-mehr-Lebende im dunklen Massenquartier beferkelt wird – diese Szenen gleichen einem Horrorstrip. Ich kann Nina Kindler verstehen, daß sie das nicht verlegen mochte; nicht, weil man das Grausen und den Ekel, was unser Volk einem anderen antat, verstecken und verdecken wollte. Nein, immer und immer wieder soll davon die Rede sein und das klebrige "Wir wußten von nichts" soll an den Pranger, für immer. Aber Edgar Hilsenrath, dessen Buch "Der Nazi und der Friseur" schon überschätzt wurde, erweist sich auf verhängnisvolle Weise als Nicht-Schriftsteller. Verhängnisvoll, weil so mit diesem Thema nicht umgegangen werden darf. Grausen und Schande, Qual, Leid und tiefste Not: Wenn das nur dahergeplappert wird, wenn diese starken Farben nur in einem großen Topf herumgerührt werden – dann entsteht Obszönität. Hilsenraths Buch obszön.

Hilsenrath verwechselt Geschichten mit Geschichte. Er kann ein Buch – dieses Buch – nicht komponieren; es ist ausgeschüttet, und schüttet die Abgründe seines Themas damit zu. Zucht- und disziplinlos: es könnte halb so lang oder doppelt so lang sein. Es ist ohne inneres Gesetz.