Von Karl-Heinz Janßen

China hat einen neuen Sprung in die Zukunft gewagt. Beim vorläufigen Abschluß des Acht-Milliarden-Geschäfts mit deutschen Industriefirmen und Großbanken haben sich die Chinesen zum erstenmal bereitgefunden, längerfristige Kredite aufzunehmen. "Kredit" war viele Jahre hindurch so verpönt wie heute die "Viererbande". Die Signalwirkung dieses Zugeständnisses ist nicht minder groß als unlängst die der Reise des Vorsitzenden Hua Kuo-feng nach Europa. Hua öffnete das Reich der Mitte der Weltpolitik, seine Industrieplaner öffnen es dem Weltmarkt.

Sind es wirklich erst drei Jahre her, als die Kulturrevolutionäre, die Ultralinken um Frau Mao, ihr Kesseltreiben gegen den Modernisierungsapostel Teng Hsiao-ping eröffneten, denselben Mann, der heute die Symbolfigur des neuen Langen Marsches geworden ist? Alles, was er und drei Dutzend Fachminister nun in die Tat umsetzen: die Einfuhr hochmoderner Industrieanlagen, die Ausweitung des Exports, das Studium der technologischen Entwicklung im Ausland, die Ausbildung einer technokratischen Elite zur Beherrschung der neuen Technik – die Radikalen erkannten darin nur die "Philosophie sklavischer Auslandsabhängigkeit", den "nationalen Ausverkauf" der kostbarsten Bodenschätze des Landes, einen Rückfall in sowjetischen Revisionismus, schlimmer: in den Kapitalismus.

Die Machtkämpfe kurz vor Maos Tod glichen den Auseinandersetzungen im Kaiserreich um die Jahrhundertwende. Damals – nach dem Schock der Opiumkriege – wie heute – nach den Wirren der Kulturrevolution – stand China vor der Entscheidung: Soll es sich auf seine eigene Kraft verlassen, sich im ruhigen Bewußtsein seiner kulturellen Überlegenheit von der Außenwelt abkapseln, oder soll es. dem abendländischen Fortschritt aufgeschlossen sein, von den Ausländern lernen, den Anschluß an die Industrialisierung suchen? Es ist schon merkwürdig: Die chinesischen Linken waren die eigentlichen Konservativen, die nicht nur Maos Lehre, sondern auch Chinas Seele rein erhalten wollten und darum ihr zeitweiliges Heil in der Autarkie suchten – "am Rande des wirtschaftlichen Bankrotts", wie Hua jetzt sagt –, während die vorgeblichen "Kapitalisten" in der kommunistischen Partei an der Spitze des Fortschritts marschierten, sich als die rung suchen? Es ist schon merkwürdig: die chine-

Die Vorbehalte der Chinesen gegen eine Auslandsverschuldung Wurzeln in bitteren historischen Erfahrungen. Nur allmählich hat China die halbkoloniale Abhängigkeit von den großen Industrienationen in der ersten Hälfte des Jahrhunderts abschütteln können. Nach dem Bürgerkrieg mußte es sich länger als ein Jahrzehnt an die Sowjetunion anlehnen, weil das finanzstarke Amerika den neuen Herren Chinas die kalte Schulter gezeigt hatte. Die Schulden in Moskau abzuzahlen, ist ihm nicht leicht gefallen. Seither galt die Faustregel, alle Importe bar zu bezahlen. Doch je ehrgeiziger die Planziele bei der Modernisierung von Landwirtschaft, Industrie und Rüstung gesteckt wurden, desto mehr mußte man sich im Außenhandel mit Tricks durchmogeln.

Der Schritt vom Wege selbstverordneter Askese wurde den Chinesen nicht allein durch wirtschaftliche Sachzwänge abgenötigt. Alle Handlungen der chinesischen Führung werden überschattet von dem machtpolitisch-ideologischen Gegensatz zur Sowjetunion. China braucht Freunde in der westlichen Welt. Erste Zugeständnisse konnten die Japaner einheimsen, als Morgengabe für den Friedens- und Freundschaftsvertrag. Zum zweitwichtigsten Handelspartner hat sich China die Europäische Gemeinschaft erkoren, und hier allen voran Deutsche, Briten und Franzosen.

Es wird die Chinesen schadenfroh stimmen, daß der große Bauen, den einige westdeutsche Firmen jetzt an Land ziehen, womöglich noch die deutschen Mammutprojekte in der Sowjetunion übertrifft. Der gelbe Handel lockt gegenwärtig mehr als der rote. Doch gemessen an der Größe des Landes, an den Bedürfnissen seiner 900 Millionen Menschen und dem immensen Nachholbedarf an Investitionsgütern nehmen sich die auf viele Jahre verteilten zwanzig Milliarden Dollar im Japan-Geschäft und die acht Milliarden im Deutschland-Geschäft doch relativ bescheiden aus.

Großzügig in den fielen, doch maßvoll in der Ausführung bleibt die Wirtschaftspolitik von Maos Nachfolgern. Sie wollen beim neuen großen Sprung nichts überstürzen, nicht abermals ihr Volk überfordern, das aus dem Schlendrian, der unter dem alten Mao eingerissen war, noch nicht herausgefunden und die fragwürdigen Segnungen von Wachstum und Wirtschaftswunder erst noch vor sich hat.