ARD, Sonntag, 24. September: "Halte Dich ans Schöne!", Film von Michael Gramberg

Schönheit", wurde am Sonntagabend mitgeteilt, "entzieht sich rationaler Diskussion." Mit fünf Worten wurden Kant und Hegel, Nietzsche und Adorno, dazu der Verfasser der "Ästhetik des Häßlichen", der Hegelianer Karl Rosenkranz, für Narren erklärt. Der Autor eines Films, der als Bericht über das Schöne angekündigt war und sich beim Anschauen als ein moralisch ehrenwertes (Devise: helft den Häßlichen) und gedanklich höchst bescheidenes Geplauder über das Thema "Schöne Frauen sind bevorzugt" erwies ... der Autor entzog sich der Diskussion mit seinen erlauchten Vorfahren, indem er deren Denkbemühungen schlichtweg ignorierte.

Gramberg, dies der Name des Autors, war bei Winckelmann stehengeblieben. Die Ästhetik des 18. Jahrhunderts feierte fröhliche Urständ. Keine Rede vom Wechselspiel zwischen Schönheit und Häßlichkeit, dem Spannungsverhältnis der Elemente, kein Wort, vom Schönen, das dem Schrecken abgerungen ist. Kein Satz über den Triumph des Häßlichen in frühen und späten Phasen jener griechischen Kunst, die mit Winckelmannschen Kategorien schlichtweg als klassisch und schön apostrophiert wurde.

Statt historisch zu argumentieren und in diesem Rahmen das Naturschöne vom Kunstschönen zu sondern, warf der unberatene Verfasser alles in einen Topf. Erst kamen die schwingenden und wiegenden Frauen, die Holden und Schönen, dann kamen die Parks, und die Wälder, und dann kamen noch einmal die Frauen. (Nur die schönen Männer sah man nicht; weder eine griechische Knabenstatue, noch ein jugendfrischer Akt aus dem Atelier traten in das Blickfeld.)

Da wurde Platon zitiert, während unerwähnt blieb, daß der selbe Platon ein Schüler des vermeintlich häßlichen Sokrates war. Da sah sich ein gleichbleibendes Schönheitsideal in der bildenden Kunst gefeiert, und niemand fragte danach, wieso es denn eigentlich käme, daß die – Kunstgeschichte, wo doch angeblich alles von harmonisch gebildeten Frauen wimmelt, für eine ganz bestimmte Darstellung Mariens, eine böhmische Interpretation der Gottesmutter um 1400, den Ausdruck "Schöne Madonna" geprägt hat?

Nun, bei so akademischen Fragen hielt sich unser Autor ohnehin nicht auf. Er schlug mit dem großen Hammer drauf los. Politiker, wurde unwidersprochen geäußert, könnten nur im Gewand der Schönheit verkauft werden. (War Adenauer schön?) Film- und Comic-Helden seien schön, Schurken häßlich. Und Karl Maiden, der Mann mit der Knollennase – ist der etwa, ein Schurke? Die Lockvögel mit dem makellosen Vampgesicht, sind das die Guten? Gilt das Gesetz, daß schön und gut, häßlich und schlecht Synonima seien, wirklich uneingeschränkt – selbst im Bezirk der Konsumindustrie? (Im Raum der Kunst steht es ohnehin anders.)

Und die Natur – was ist mit der? Schön seit eh und je – einerlei, ob sie unbehauen und karstig oder nach menschlichem Maße verändert worden ist? Einerlei, ob ihre Szenerie, nehmen wir die Alpen, aus der Perspektive eines römischen Legionärs oder der Sicht eines Flugzeugpassagiers angeschaut wird?