Junge Leute diskutieren

Ganztagsschulen können ja ganz ideal sein, aber für mich wäre das nichts. Ich gestalte meine Freizeit gerne für mich alleine und möchte nicht mit vorgesetzten Programmen den Nachmittag verbringen. Ich müßte meinen Sport aufgeben, weil die Trainingsstunden um 17 Uhr anfangen. Allerdings könnte ich mir vorstellen, daß es für Kinder, deren Eltern berufstätig sind, besser ist, nachmittags in der Schule zu sein als alleine zu Hause. Außerdem lerne ich gerne andere Menschen kennen, und das ist in einer Ganztags-, schule schlecht möglich, da man immer mit den gleichen Menschen in der Klasse und in der Gruppe zusammen ist. Susanne Eich, 13 Jahre

Die Ganztagsschule mit ihrem Ziel der Integration der herkömmlichen Schule und dem privaten Lernen, ist in meinen Augen ein in menschlicher und pädagogischer Hinsicht zu unterstützender Gedanke. Schule bedeutet für jeden Lernenden eine unvermeidliche Beschränkung seiner Freizeit. Für mich als Schüler stellt sich deshalb die Frage, welches Schulsystem dem Schüler die größtmögliche frei zur Verfügung stehende Freizeit zugesteht. Durch Leistungsdruck wird von der Schule der größte Teil der persönlichen Freizeit verplant. Unter diesem Aspekt gibt die Ganztagsschule für den Lernenden die Gewähr für mehr frei verfügbare Zeit. Der Schüler steht hinsichtlich seiner Arbeitszeit zur Schule in einem Zeit-Vertragsverhältnis. Der erste Teil seiner Anwesenheit in der Ganztagsschule dient den Regelstunden, der zweite Teil seiner Arbeitszeit der Erledigung seiner "Hausaufgaben" unter pädagogischer Aufsicht. Die Zeit ab 17 Uhr steht jedem für seine individuellen Neigungen und Interessen zur Verfügung. Hierin liegt für mich der große Vorteil der Ganztagsschule gegenüber herkömmlichen Systemen. Schließlich muß etwas dagegen unternommen werden, daß Schüler der 9.–13. Klasse bis nach 22 Uhr für die Schule arbeiten müssen. Ich meine, hierdurch wird der Lernerfolg nicht gesteigert, zumal der Schüler am anderen Morgen übernächtigt ist. Was für Arbeiter und Angestellte gilt, sollte mehr noch für Lernende und junge Menschen gelten: Die 40-Stunden-Woche wäre für einen Schüler reichlich genug. Die Ganztagsschule garantiert am ehesten, daß dieses unmenschliche Lernen beendet wird und durch ein Lernen ersetzt wird, daß auch Spaß macht.

Lutz Oppermann, 18 Jahre

Nach meiner Meinung wird die persönliche Freizeit sehr eingeschränkt. In einer Ganztagsschule ist im Stundenplan festgesetzt, was man wann tun soll. Man würde als Außenseiter gelten, wenn man mal gern allein wäre. Außerdem werden die Kinder von den Eltern entfremdet. Die Eltern erfahren nicht, was ihre Kinder den ganzen Tag machen. Die Ganztagsschule hat natürlich auch. Vorteile. Wenn die Eltern beide berufstätig sind, sind sie bestimmt froh, wenn die Kinder nicht so lange allein zu Hause sind. Trotzdem finde ich, daß man bei der "Halbtagsschule" mehr Freizeit hat. Nachmittagsverantaltungen kann man besuchen, was bei der Ganztagsschule nur selten möglich ist.

Bettina Schüler, 13 Jahre

Eine Ganztagsschule wäre ein Schritt zu mehr Zwang und weniger Freizeit und von daher abzulehnen. Das soll aber nicht heißen, daß wir es gut finden, wenn Schüler am Nachmittag herumgammeln, im Gegenteil. Aber diese Bummelanten werden auch durch eine Ganztagsschule wohl kaum zum Lernen zu bekehren sein, wenn sie es nicht von sich aus wollen. – Traut man uns denn nicht zu, daß wir unsere Freizeit in freier Verantwortung für uns sinnvoll nutzen? Das sollten wir doch in einer demokratischen Schule gelernt haben. Die meisten von uns möchten jedenfalls ihren individuellen Arbeitsrhytmus so gut es geht berücksichtigen dürfen. – Gewiß, es gibt Schüler, die ein Lernen in der Gruppe besser voranbringen kann. Aber man könnte ja nachmittags Arbeitsgemeinschaften einrichten.