Neue Technologien könnten im nächsten Jahrzehnt bis zu vier Millionen Arbeitsplätze gefährden

Von Wolfgang Hoffmann

Der baden-württembergische Wirtschaftsminister Rudolf Eberle stand vor einer schweren Wahl. Auf seinem Tisch lagen zwei Gutachten mit brisantem Inhalt. Das Battelle Institut in Frankfurt und die Prognos AG in Basel, hatten ihm je eine Studie über die technologischen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Arbeitsplätze in Baden-Württemberg und der Bundesrepublik vorgelegt und darin weit in die Zukunft geschaut, bis 1990. Eberles Problem: Er mußte sich für eine der beiden Auguren entscheiden. Der Minister tippte schließlich auf Battelle. Denn was die Frankfurter ihm vorgelegt haben, macht es ihm leichter, der Zukunft hoffnungsfroh entgegenzusehen als die Ergebnisse der Prognos-Studie.

Die Zukunftsforscher des Battelle Instituts waren nämlich zu dem Ergebnis gelangt, bis 1990 sei "ein Einbruch auf dem Arbeitsmarkt infolge neuer technologischer Entwicklungen in Baden-Württemberg nicht zu befürchten". Eberle sogleich erfreut: "Der technische Fortschritt als Job-Killer verliert viel von seinem Schrecken."

Soviel Optimismus mochten die Prognostiker aus Basel nicht verbreiten. Sie überbrachten auf Grund ihrer Voraussetzungen vielmehr Hiobsbotschaften: Für Baden-Württemberg errechneten sie bis 1990 rund 300 000 Arbeitslose, für die gesamte Bundesrepublik sogar bis zu vier Millionen – im ungünstigsten Fall. Diese Schreckensmeldungen spielte Rudolf Eberle sogleich herunter: "Im Gegensatz zum Battelle-Gutachten liegen dem Prognos-Gutachten nicht empirische Untersuchungen. zugrunde, sondern es beruht auf der bisher üblichen Methode der Voraussetzungen. Das Gutachten vervollständigt die 1977 vorgelegte Schockprognose der Prognos AG."

Beobachter vermuteten sogleich, hinter den unterschiedlichen Ergebnissen stecke ein heimlicher Streit zwischen den beiden Forschungsinstituten über den Einfluß des technischen Wandels auf den Arbeitsmarkt. Von Streit wollen beide Institute indes nichts wissen, Sie wähnen sich nämlich gar nicht so weit auseinander. Und Battelle beeilte sich mit dem Hinweis, die Arbeit sei noch gar nicht abgeschlossen. Was Eberle bekommen habe, sei erst ein Zwischenbericht. Tatsächlich lassen beide Untersuchungen auch keinen Zweifel darüber, was auf die werktätige Nation zurollt. Forschungsminister Volker Hauff hat jetzt vor dem Bundestag erklärt, daß in den nächsten Jahren bis zu drei Prozent aller Arbeitsplätze durch die Elektronik verändert würden. Für die weitere Zukunft sieht er es so: "Mittel- und langfristig werden vierzig bis fünfzig Prozent aller Beschäftigten betroffen." Was betroffen macht, ist der immense Fortschritt einer Technologie, die mit für den Laien so schwer verständlichen Begriffen wie Mikroelektronik, Mikroprozessoren, integrierte Schaltungen, elektronische Bauelemente umschrieben wird – alles Synonyme für ein und dieselbe Technik. Mikroprozessoren können – einmal durch den Menschen und seine Intelligenz programmiert – ebenso intelligent schalten und walten wie der Mensch, nur: schneller, besser und zuverlässiger. Sie steuern Fertigungsmaschinen wie von Geisterhand, lassen mit äußerster Präzision bohren, stanzen, schweißen, nieten und feilen.

Sie speichern Daten millionenfach auf engstem Raum, machen sie per Knopfdruck wieder abrufbar – an jedem beliebigen Ort. Ganze Archive, in denen tonnenweise Akten und Papiere lagern, werden überflüssig. Mikroprozessoren ersparen zeitraubendes Suchen nach Aktenvorgängen, ersetzen aufwendige Botengänge, überwinden Raum und Zeit in Sekundenschnelle. In den Maschinen wird der größte Teil herkömmlicher Mechanik überflüssig. Was die Wählscheibe beim Telephon schaltet, übernimmt ein elektronischer. Impuls. Die Arbeit. am Fernschreiber wird zum Vergnügen, denn da es keine beweglichen Teile mehr gibt, kann auch nichts klappern. Kostspielige Konferenzreisen können vermieden werden, weil die Gesprächsteilnehmer zu Hause am Bildtelephon jeden Partner gleichermaßen hören und sehen können. Was Mikroprozessoren alles können, beweist ein Experiment in USA: Blinde werden wieder sehend.