Von Joachim Nawrocki

Berlin, im September

Man braucht nie lange zu suchen, wenn man der DDR-Presse entnehmen will, was sie der Bundesrepublik alles vorzuwerfen hat. Im SED-Blatt Neues Deutschland, auf der zweiten Seite links unten, steht’s fast täglich: "Grenzverletzer festgenommen", "Wegen Mißbrauchs des Transitabkommens auf frischer Tat festgenommen", "Kurier der kriminellen Mierendorff-Bande verurteilt", "Grenzverletzer aus Berlin (West) verurteilt" oder "Verkehrsgefährdung durch BRD-Bürger". Erst in den längeren Kommentaren und Berichten über einzelne Prozesse wird klar, worum es geht: um Fluchthilfe. Die DDR-Presse spricht von "Abwerbung aus der DDR" und "Ausschleusung von Personen". Aber auch andere Vorwürfe werden erhoben: Provokationen, Verkehrsgefährdungen, Terrorüberfälle auf Angehörige der Grenzeinheiten, Spionage.

Mit möglichst vielen Details in solchen Berichten soll der Eindruck erweckt werden, daß die DDR über die Fluchthilfeorganisationen genau Bescheid weiß und dieses Geschäft alles andere als sicher ist. In einem Prozeß gegen eine Mitarbeiterin der sogenannten "Lampl-Bande" hieß es jetzt, allein von Juli bis September 1978 seien noch zehn andere Helfer des in Hamburg residierenden Julius Lampl festgenommen worden. In einem großen Bericht der DDR-Zeitschrift Horizont konnte man im Juli lesen, seit 1977 hätten die Sicherheitsorgane der DDR neun mißbrauchte Lastwagen der Mierendorff-Bande sichergestellt. Drittes Angriffsziel der DDR-Presse ist die "kriminelle Dawid-Bande". Seltener erwähnt werden die "Lenzlinger-Bande", die "Heyer-Bande" und andere Organisationen. Ausführlich wird über die "Filialleiter" der Organisationen, über Tarnfirmen, Mitarbeiter, Treffpunkte, Methoden und über das Privatleben der Bosse berichtet.

Solche Einzelheiten kommen nicht nur durch Aussagen festgenommener Fluchthelfer zutage. Ihre Informationen bezieht die DDR auch von Spitzeln, die in die Fluchthilfeorganisationen eingeschleust werden. So wurde dieser Tage in West-Berlin ein Mann zu 16 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, den man bei einem DDR-Besuch mit illegal eingeführtem Ost-Geld erwischt hatte. Vor die Wahl gestellt, eine längere Haftstrafe anzutreten oder für den Staatssicherheitsdienst der DDR zu arbeiten, ließ er sich auf die Agententätigkeit ein. Er bewarb sich als Helfer bei der Gruppe Mierendorff und anderen Organisationen und berichtete der DDR über geplante Fluchtaktionen und über die Lücken in der Grenzabsicherung der DDR, die von den Fluchthelfern ausgenutzt wurden. Für zweieinhalbjährige Tätigkeit bekam er vom "Stasi" rund 3700 Mark.

"Mitwisser und Komplizen

Immer wieder wird in der DDR-Presse behauptet, Dienststellen der Bundesrepublik seien Mitwisser und Komplizen solcher Organisationen. Genannt werden das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen, Beamte des Bundesgrenzschutzes und des Zolls und die westlichen Geheimdienste. Vor allem die Lampl-Gruppe wird regelmäßig mit den "BRD-Geheimdiensten" in Verbindung gebracht. Aber auch Redakteure von Springer-Zeitungen sollen angeblich eng mit Lampl zusammenarbeiten. Zu solchen Verdächtigungen genügen oft vordergründige Zusammenhänge, ein Informationsgespräch etwa oder eine verschlüsselte Anzeige in einer Zeitung. Als Auftraggeber von Fluchthelfern werden auch die Gesellschaft für Menschenrechte und die Vereinigung der Opfer des Stalinismus genannt.