Mit dem Heldentum ist das so eine Sache. Wer Sigmund Jahn, den ersten Kosmonauten der DDR, in letzter Zeit beobachtet hat, dem mag es so vorgekommen sein, daß es ziemlich anstrengend ist, ein Held zu sein. Mit einer Rakete ins All zu steigen, ist sicher keine Kleinigkeit, doch scheint dies nichts im Vergleich zu den Mühen, die der Kosmonaut in den letzten Tagen beim triumphalen Einzug in Ost-Berlin und durch die Bezirke seiner Heimat auf sich nehmen mußte.

Was will man machen – Sigmund Jahn ist nun mal ein Held, ein zweifacher sogar. Er hat es schwarz auf weiß und als Orden am Revers: Held der Sowjetunion und der DDR – das verpflichtet. Da mußte er im offenen Wagen durch die Straßen der Städte fahren, vorbei an fähnchenschwenkenden und "hoch" rufenden Menschen, mußte winken, lächeln, Hände schütteln. Er mußte Reden hören, selbst welche halten. Und immerzu wurde er geehrt: Eine bronzene Büste von ihm wurde im Kosmonauten-Hain an der Archenhold-Sternwarte in Berlin eingeweiht und eine Gedenktafel in seinem Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz, wo Sigmund Jahn mit solcher Herzlichkeit empfangen wurde, daß ihm Tränen in die Augen stiegen.

Neugeborene werden "Sigmund" genannt, Straßen heißen neuerdings "Kosmonauten-Straße" und Jugendbrigaden "Sigmund Jahn". Orden wurden ihm an die Brust geheftet, daß kaum noch Platz für Knöpfe blieb: Der Karl-Marx-Orden, die Medaille für Waffenbrüderschaft, dieFritz-Heckert-Medaille, die Arthur-Becker-Medaille, die Leibniz-Medaille (sicher fehlt bei dieser Aufzählung noch die eine oder andere). Er besuchte Betriebe, Bauplätze, das Museum "Otto Lilienthal" in Anklam. Er nahm am festlichen Empfang ihm zu Ehren im Palast der Republik teil, wo das Bühnenbild aussah, als sei es die Premiere von "Frau Luna" in Neustrelitz. "Siggi" wurde Ehrenbürger von Ost-Berlin, legte Kränze an Mahnmalen nieder, pflanzte in Berlin einen Baum, tanzte unter dem Erntekranz von Pasewalk und auf dem Kosmonautenball in Karl-Marx-Stadt, fuhr durch das Fackelspalier in Jena, und für die Geschenke, die er überall bekam, muß er vermutlich zu Hause anbauen.

Es ist verständlich: so einen Helden kann die DDR sich nicht entgehen lassen. Ihre Regierung, die über das halbe Volk einer Nation wacht, hat es schließlich nicht leicht, weil Teile des Volkes immer noch sehnsüchtig zur, anderen Hälfte schielen in der Annahme, ihr gehe es besser. Da haben die Regierenden auf einmal einen Held en, den die andere Hälfte nicht hat. Da können sie getrost das Wort "deutsch" wieder aus der Sprachschatulle hervorkramen, denn diesmal sind sie es, die etwas für die deutsche Nation getan haben: den ersten Deutschen in den Weltraum geschickt. Sigmund Jahn ist Symbol für die Tüchtigkeit der DDR. Symbol auch für die immer eifrig zitierte deutsch-sowjetische Freundschaft, denn in einer sowjetischen Rakete startete er, zusammen mit Waleri Bykowski, der ihn auf seiner Jubelreise durch die DDR begleitete.

Der 41jährige Sigmund Jahn aus dem Vogtland ist ein sympathischer Mann, einer, der aussieht, als ob er gern lacht, der selbst bei der größten Weihe und Würde um ihn herum gelassen bleibt. Kein Zweifel, die Menschen in der DDR haben etwas übrig für ihn und seine Leistung. Ohne den Mammut-Rummel, der ihm zu Ehren inszeniert wurde, hätte sein Weltraumflug das erreicht: "Seht her, wir in der DDR, wie tüchtig wir sind." Der übertriebene Trubel aber bewirkt offenbar das Gegenteil: Man macht sich lustig. "Die janze Republik jähnt", sagten Ostberliner, und ein anderer: "Ich glaube, Jahn ist tot. Ich habe schon zehn Minuten nichts von ihm gehört."

Marlies Menge