Die Idee hat etwas an sich, das Anhängerschaft erzeugt. Sie ist düster. Sie erscheint auf den ersten Blick wenig glaubhaft, aber ist sie einmal erfaßt, wirkt sie um so unwiderstehlicher. Sie läßt sich auf die Situationen des Alltags nur schwer anwenden, verleiht aber das überlegene Gefühl, Verborgenes zu durchschauen. Sie lautet: Wir, wie alle Lebewesen, existieren im Dienst einer chemischen Substanz.

Es ist die Desoxyribonukleinsäure, kurz DNS genannt. Sie besitzt die Eigentümlichkeit, sich unter günstigen Umständen selber zu vervielfältigen. Dieses ihr Vermögen der Selbstreplikation ist die Grundlage allen Lebens. Um sich in einem weniger vorteilhaften Ambiente, als es die Ursuppe des Planeten war, in der ihre Aufbaustoffe reichlich umherschwammen, weiter vervielfältigen und somit ausbreiten zu können, mußte sie Fähigkeiten entwickeln, sich konkurrierende Moleküle einzuverleiben und sich selber gegen die Gefräßigkeit der Rivalen zu schützen. Sie baute sich Festungen. Die Festungen sind wir, die Lebewesen. Es ist ihr gleich, ob sie aussehen wie ein Fettsteißschaf oder ein Schalterbeamter; Hauptsache, sie überlebt. Samuel Butlers Bonmot aus dem Jahre 1877 hätte sich als wörtlich wahr erwiesen: "Das Huhn ist nur die Methode des Eis, ein weiteres Ei hervorzubringen."

Geradezu rhapsodisch beschreibt der Oxforder Biologe Richard Dawkins diesen Stand der Dinge in seinem brillanten, wiewohl nicht durchweg überzeugenden Buch "Das egoistische Gen": "Jetzt schwärmen sie (die chemischen Replikatoren) in riesigen Kolonien, sicher im Innern plumper Großroboter, von der Außenwelt abgeschnitten, mit der sie auf gewundenen indirekten Wegen kommunizieren und die sie durch Fernsteuerung manipulieren. Sie sind in dir und mir; sie haben uns erschaffen, Körper und Geist; und ihre Erhaltung ist der letzte Zweck unseres Daseins. Sie haben einen langen Weg hinter sich, diese Replikatoren. Heute heißen sie Gene, und wir sind ihre Überlebensmaschinen."

Die Gene bestimmen nicht nur den Aufbau ihrer Überlebensmaschinen; sie bestimmen auch ihr Verhalten. Nicht unbedingt, indem sie starre Verhaltensinstruktionen erteilen. Je höher die Tiere, um so "offener" ihre Verhaltensprogramme, um so größer ihre Freiheit, Erfahrungen zu berücksichtigen, also zu lernen und eine Situation nach eigenem Ermessen zu bewältigen. Carl Sagan in seinem Buch "Die Drachen von Eden" rechnet vor, daß in der Entwicklungsgeschichte des Lebens zum erstenmal irgendwo auf der Höhe der Reptilien die Menge der genetischen Information, die einem Lebewesen zur Verfügung steht, übertroffen wurde von der außergenetischen, also gelernten. Und am wenigsten starr programmiert ist der Mensch mit seinem einmalig lernfähigen Großhirn. Kein Biologe streitet das ab. Die Theorie macht uns also nicht zu bloßen Automaten der Gene.

Eine neue Synthese

Die Theorie von den Lebewesen als Überlebensmaschinen der Gene, die auch ihr Verhalten steuern, oder wenigstens mitbestimmen, ist der Kernsatz einer jungen, brisanten, kontroversen Wissenschaft, Soziobiologie genannt.

Im lockersten und allerallgemeinsten Sinn ist die Soziobiologie nichts anderes als die nachdarwinsche Wissenschaft vom Verhalten der Tiere; und als solche gibt es sie natürlich schon seit über einem Jahrhundert. Soziobiologie im engeren Sinn ist jedoch etwas relativ Neues; ihre ersten Denkmodelle gehen auf die sechziger Jahre zurück. Sie begnügt sich nicht damit, wie weitgehend die Verhaltensforschung vor ihr, tierisches Verhalten zu beschreiben und zu systematisieren und auf seinen Überlebenswert hin zu befragen.