Hörenswert

Philharmonische Cellisten: "cellophon". Die sechs humorvollen ersten Männer haben sich für ihre zweite Schallplatte selten aufgeführte, nicht einmal wirklich gekannte, mehr Herzeleidgefühle als Vatermörderstrenge verbreitende Stücke des 19. Jahrhunderts hervorgekramt, die sie hingebungsvoll – und sehr präzise – spielen. Das geschieht auf der einen Plattenseite; auf der anderen geben sich die philharmonischen Musiker dem Spaß am Ragtime hin. Sie behandeln die Tanzstücke wie Preziosen, lassen die Melodien singen und äußerst farbig klingen, hängen ihnen distinguiert-witzige Schlenker an und verzögern oder beschleunigen sie in gemessen launigen Rubati. Manchmal, zum Beispiel wenn sie die parodistische "Walzer-Collage" ihres Kollegen Werner Thomas spielen, erinnern die sechs Cellisten in die Kunst der sechs King’s Singers. (Wergo spectrum SM 1018) Manfred Sack

The Who: "Who Are You". Im Titel des Albums und etlicher seiner Kompositionen klingt es fast schon überdeutlich an: Diese Platte der "Who" ist, wie schon des öfteren seit "Who’s Next" (1971), das Ergebnis einer künstlerischen Identitätskrise von Pete Townshend. Ähnlich wie vor kurzem Dylan mit "Street-Legal" und in gewissem Maße auch die Stones auf "Some Girls" versucht er vor dem Hintergrund des möglicherweise lästig gewordenen Mythos, der eine solche Gruppe zwangsläufig begleitet, seine Obsessionen in Songs zu reflektieren. Ein selbstquälerischer Neurotiker war Townshend immer schon. Hier möchte er seine Rolle im Musikgeschäft neu definieren, eine neue Identität finden und die Rockmusik-Irrealität des Jahres 1978 analysieren. (Wozu Stones-Gitarrist Keith Richard kürzlich bemerkte: "Petes Problem ist, daß er zuviel nachdenkt.") Die aufwendig mit Synthesizer- und Streicher-Arrangements instrumentierten Kompositionen nehmen sich wie komplette Mini-Opern aus, die Produktion erinnert stark an "Quadrophenia", und die Gruppe spielt virtuoser denn je ihr professionelles Können aus. Hinter dem Zynismus mancher Texte ("I write the same old song a few more times/But did you really want to hear it?") steckt immer noch mehr Ehrlichkeit zu sich selber als in den angelernt-einstudierten Posen mancher neuen Rock-Bands. Aber wird Townshend nach "Who Are You" bei soviel gebrochenem Selbstverständnis wieder klassische Rock-Rhythmen schreiben können? (Polydor 2417 325) Franz Schüler

Langweilig

Foreigner: "Double Vision". Eine der krassesten Fehlentscheidungen der Phonoakademie-Juroren sorgte dafür, daß das Rock-Sextett Foreigner zum besten Pop-Nachwuchsensemble dieses Jahres gekürt wurde. Auch die Songs dieses zweiten Albums, ein studioperfekt produzierter Verschnitt aller möglichen Vorbilder vom Bad Company-Boogie bis zu kalifornischem Country Rock der seichtesten Sorte, sind bar jedes Eigenprofils, humor- und ideenlos, Aufguß-Musik mit .dämlichen Texten über doppelte Visionen, traute Zweisamkeit und schicksalhafte Liebesverstrickungen auf Lore-Roman-Niveau. (Atlantic ATL 50 476) Franz Schöler