Arabische Finanziers wollen sich am Chemiekonzern Montedison beteiligen

Obgleich Zeitungen und Nachrichtendienste es Ende August schon prophezeit hatten, weht die grüne Fahne des Propheten noch immer nicht auf dem Dach der Montedison-Konzernzentrale in Mailand. Die Araber verhandeln weiterhin zäh mit Enrico Cuccia, dem Chef der staatlichen Industriefinanzierungsbank Medio Banca, um die Bedingungen für eine zehnprozentige Kapitalbeteiligung. Kommen diese Verhandlungen zu einem guten Ende, dann kann Cuccia für sich in Anspruch nehmen, Italiens zweitgrößten Konzern in letzter Minute vor der vollen Verstaatlichung gerettet zu haben.

Die Montedison (Jahresumsatz rund 13 Milliarden Mark) ist der größte Hersteller für chemische Grundstoffe in Italien mit fünfzig Prozent Marktanteil. Die Unternehmensgruppe ist mit über hundert Beteiligungsgesellschaften außerdem in den Bereichen Elektronik, Maschinenbau, Banken, Versicherungen sowie Einzelhandel tätig. Interessant für die Araber ist zudem der große Rohölbedarf des Konzerns, denn die Montedison verfügt über eigene Raffinerien.

Die Medio Banca als größte Gläubigerin des mit über zehn Milliarden Mark verschuldeten Konzerns ist an einer schnellen Lösung interessiert, da sie möglichst rasch die Voraussetzungen dafür schaffen muß, daß die längst überfällige Kapitalerhöhung zur Sanierung von Montedison glatt über die Bühne geht. Freilich haben sich inzwischen die Chancen dafür etwas gebessert, daß die 250 000 Kleinaktionäre sich trotz der mehrfachen Zusammenstreichung des Kapitals nicht entmutigen lassen. Während vor einem Monat auch für den Sommerschhißpreis von 159 Lire (38 Pfennig) je Anteil niemand Montedison-Aktien kaufen wollte (der Nennwert beträgt nach der letzten Kapitalzusammenlegung 175 Lire), stürzte sich bei der jüngsten Hausse die Spekulation derart auf das Papier, daß der Kurs an einem einzigen Tag um zwei Fünftel stieg. Die Nachricht von den Beteiligungsverhandlungen mit den Arabern wirkte dabei als Stimulanz.

Wer diese Araber allerdings sind, hat noch niemand so recht herausbekommen. Italienische Quellen bezeichnen die Gesellschaft Lios in Rom als mutmaßlichen Interessenten. Dieses Unternehmen wird von dem Araber Omar Sais geleitet, dessen Hauptinteressen in Saudi-Arabien liegen. Bei der verhandelnden Bank soll es sich um die National Commerce Bank handeln, hinter der man den saudischen Finanzier Gaith Pharaon vermutet. Von Pharaon ist zudem bekannt, daß er meist internationale und amerikanische Finanzgruppen in seine Geschäfte einbezieht. Angeblich spielte er beim Erwerb der National Bank of Georgia/USA als Freund des Ex-Schatzministers John Connally eine Rolle. Auch Kuwait-Kapital soll neben Saudi-Geldern an dem Erwerb des Montedison-Paktes interessiert sein.

Wer auch immer sich hinter dem Sammelbegriff "Araber" verbirgt: Die Interessenten aus dem Nahen Osten riskieren ihr Kapital "nicht aus philanthropischen Gründen" (so die Wirtschaftszeitschrift Il Mondo) in einer Gesellschaft, die im letzten Jahr 1,2 Milliarden Mark Verlust erwirtschaftete. Sie stellen deshalb drei Bedingungen:

  • Die Verteilung des Kapitals zwischen der Staatswirtschaft und dem Privatkapital soll bei der Kapitalaufstockung nicht geändert, die Montedison nicht weiter verstaatlicht werden;
  • die Montedison soll zwanzig Prozent des Kapitals ihrer Holding Fingest dem neuen Großaktionär abtreten;
  • der arabischen Gruppe soll die Kontrolle über den gesamten Rohöleinkauf und die Kontrolle über den Export in einige Länder des Nahen Ostens eingeräumt werden.