Von Ruth Calé

Jerusalem, im September

Die freiwillige Aufgabe von Siedlungen in den besetzten Gebieten verstört Israelis aller politischen Schattierungen mehr als die anderen, teilweise viel schwereren Opfer, die ihnen ein Friede mit Ägypten auferlegt. Da hilft auch keine kühle Logik. Siedler mit ihren Traktoren aus dem Nordwesten des Sinai protestierten in dieser Woche in Jerusalem gegen die angebliche Kapitulation des Regierungschefs Begin. "Das ist fürs ganze Volk wie Mord", lautete der exemplarische Ausspruch eines Wissenschaftlers an der Jerusalemer Universität. "Wenn man lebende Siedlungen verläßt, sterben sie, und damit kann sich der Verstand nicht abfinden."

Noch nie wurde in den hundert Jahren des modernen Zionismus so etwas verlangt. Die Zahl der isoliert gelegenen Siedlungen, die im Unabhängigkeitskrieg von 1948 aufgegeben oder von arabischen Angreifern vernichtet wurden, läßt sich bequem an einigen Fingern aufzählen. Und heute ist es ausgerechnet Menachem Begin, der ursprüngliche Kämpfer für ein "Groß-Israel" auf beiden Seiten des Jordanflusses, der diese Abmachung eingeht und deshalb von vielen seiner Parteimitglieder des "nationalen Selbstmords" angeklagt wird.

Am Anfang der hitzigen Knesseth-Debatte in dieser Woche über Begins Abmachungen mit Präsident Sadat kam die Hauptopposition von zwei nationalistischen Flügeln seiner eigenen Likud-Partei und einigen religiösen Koalitionspartnern. Zwar unterstützten nur ein paar Likud-Extremisten die Parteiamazone Geulah Cohen, die Begin nicht zu Wort kommen lassen wollte und seinen Rücktritt verlangte, bis sie schließlich vom Vorsitzenden aus dem Plenum verwiesen wurde. Aber Arbeiterparteiführer Schimon Peres, der die Opposition anführt, bemerkte spitz, daß Begin genau wie Frau Cohen reagiert hätte, wenn heute die Rollen vertauscht wären und er, Peres, ein derartiges Abkommen mit Ägypten eingegangen wäre. Immer wieder hört man von Politikern der Arbeiterpartei, daß Begin nur deshalb mit Sadat Erfolg hat, "weil er eben keinen Begin in der Opposition erdulden muß".

Landwirtschaftliche Entwicklung war immer das höchste zionistische Ideal. Die ideologische Richtlinie war eine Synthese zwischen jüdischer Arbeit, die Wüste und Sümpfe fruchtbar machen sollte, und der Absicht, die politischen und militärischen Grenzen des souveränen jüdischen Staates durch Kultivierung zu bestimmen und zu unterbauen. Während des britischen Mandatsregimes in Palästina, als jüdische Organisationen mühevoll und oft britischen Gesetzen zum Trotz von Arabern teuren Grundbesitz erwarben und die Siedelei mit mächtigen Vorstößen und der Errichtung von Wassertürmen und Abzäunungen begann, war diese Politik erfolgreich. Man denke nur an die elf Siedlungen im damals fast menschenleeren Nord-Negev, die in einer Frühlingsnacht 1946 gegründet wurden. Im Krieg zwei Jahre später waren daraus befestigte Stellungen geworden, an denen die ägyptischen Panzer hängenblieben. Nur eine von ihnen an der Mittelmeerküste fiel den Angreifern zum Opfer.

Nach der Staatsgründung hat dann David Ben Gurion aus ideologischen und gesellschaftlichen Gründen landwirtschaftliche Entwicklung und Landesverteidigung kombiniert. Rekruten wurden dazu angehalten, ihren Militärdienst im "Nachal" (kämpfende Pionierjugend) abzulegen. Nach Beendigung ihrer Dienstzeit wurden diese Grenzposten dann zu richtigen Siedlungen. Die jungen Leute ließen sich endgültig nieder und sicherten die Grenzen, meist in der Form von Kibbuzim. Heute bleiben allerdings nur etwa 25 Prozent der "Nachal"-Mitglieder hinterher in ihren Siedlungen. Die meisten zieht es doch zu einem Hochschulstudium.