Von Reinhard Oehlschlägel

Neue Stücke von Mauricio Kagel, dem in Köln lebenden und unterrichtenden "Medien"-Komponisten, scheinen mit einer gewissen soliden Regelmäßigkeit an die Öffentlichkeit zu kommen und nur wenig Überraschungen für die Experten zu beinhalten. Zu sehr basieren alle seine Stücke, unwichtig, ob sie für Orchester, Musiktheater, Filmumsetzung oder als Hörspiel konzipiert sind, auf einer einheitlichen Ästhetik, was denn Musik überhaupt sei, und vor allem auf einer konstanten Vorstellung davon, wie sich der Komponist im Verhältnis zum Publikum versteht.

Davon macht auch seine jüngste, die Osloer Produktion "Ex-Position", keine Ausnahme. Entstanden zum zehnjährigen Bestehen der Henie-Onstad-Kunststiftung, der größten norwegischen Stiftung überhaupt, und uraufgeführt im Kunstzentrum in Hovikodden am Oslo-Fjord, macht das Stück den Vorgang des Zeigens, des Herausstellens von kleinen sportlichen Spielen und Übungen zum zentralen Thema. Kagel nennt es eine "Aktion für Gymnasten, Rhythmusgeneratoren, Madrigalchor, Tasteninstrumente und Schlagzeug". Alle Schichten darin werden jeweils doppelt gebrochen.

Die Gymnasten – oder Athleten, wie sie in der englischen Version heißen – werden in allerlei Kleider, Tücher, Kostüme gesteckt, so daß ihre sportlichen Bewegungsabläufe auf die verschiedenste Weise verfremdet werden. Zudem müssen sie mit ganz wenigen Ausnahmen Sportgeräte betätigen, die – wiederum zumeist aus Textilien gefertigt – ein Moment der Hilflosigkeit, des Märchenhaften, oder, etwas sich überschlagendes Skurriles einbringen. Auf einer zweiten Ebene des Stücks wird also textiles Material, textile Verarbeitung, orientiert am menschlichen Körper und an menschlicher Bewegung, thematisiert. Die zehn Kölner Sportdozenten, die das Stück in Oslo uraufführten, haben außerdem während des über einstündigen Ablaufs sich ständig an bestimmten Punkten der zwei ineinander übergehenden Säle, wo ganze Serien von Kleidungsstücken hängen, vor dem Publikum umzuziehen. Und sie bedienen zwischen ihren jeweiligen Übungen fünf aus U-Musik-Orgeln stammende Rhythmusgeneratoren, die auf Pulten mit dem nötigen Zubehör an fünf disparaten Orten aufgestellt sind. Im Hintergrund ist neben einem Harmonium und Klavier schließlich ein Madrigalchor postiert, der Bachsche Choräle intoniert, 53 an der Zahl. Die Verfremdung läuft doppelt: Klavier oder Harmonium spielen alternativ den Bachschen Choralsatz Akkord für Akkord jeweils um ein anderes Intervall transponiert. Und auch hier ist nie vorauszusehen, wohin der nächste Akkord transponiert wird. Nichtlineare Transposition nennt Kagel das Verfahren.

Es hat wie vieles andere Methode. Während Stockhausen Systeme, etwa Zeitsysteme oder Klangfarbensysteme, hypostasiert, ideologisiert, dient Kagel Systematisches lediglich der Materialsammlung, der Vorordnung, der Ausarbeitung. Die Gleichzeitigkeit mehrerer Abläufe, die sich gegenseitig kommentieren, parallelisieren und gelegentlich steigern, teilt er mit John Cage. So ist in "Ex-Position" das Choralstück "Chorbuch" für sich aufführbar. Dabei ist die Reihenfolge der 53 Choräle beliebig. Ebenso ist das Stück für Rhythmusgeneratoren und Schlagzeug als eigenes Stück aufführbar. Im Gegensatz zu Cages Musik aber richtet Kagel, als sein eigener Regisseur, die variable Reihenfolge des einen Stückes nach dem anderen.

In der Schlußbildung der Osloer Produktion ist das ganz deutlich. Die zehn Sportler tragen eine lange weiße Tuchrolle auf der linken Schulter gemessenen Schrittes herein. Dazu erklingt "O Traurigkeit, o Herzeleid" im Chor. Die Rolle wird ausgebreitet, die weißgekleideten Darsteller verteilen sich auf dem Tuch, verfallen in konvulsivische Raupenbewegungen. Der Chor kommentiert: "Es ist genug."

Überraschungsästhetik als ein. Kompositionsprinzip der Verknüpfung der Momente bewahrt die formale Entsprechung und den Zusammenhang negativ. Die Überraschung wird auf dem Hintergrund des Erwarteten wahrgenommen, und realisiert. Das teilt Kagels Ästhetik mit der von Strawinskys Neoklassizismus,

Das Gelingen setzt genaueste Materialkenntnis und Professionalisierung voraus. Das Verfahren ermöglicht akustische wie optische Verläufe, die Auf- und Abtritte von Schauspielern oder die Fahrten und Schwenks einer Kamera nach dem gleichen Prinzip zu komponieren. Indem sich Kagel dabei jeweils auf die Struktur seines Materials einläßt, reagiert er außerordentlich medien- und materialspezifisch. Das wiederum hat er gemeinsam mit Cage. Cage aber würde nie um eines Überraschungseffekts willen einen Ablauf gestalten oder ändern. So stellt sich Kagel, ohne daß damit etwas über die äußere Klangähnlichkeit, über Größe und Berühmtheit gesagt wäre, vielmehr als der "Strawinsky der Serialität" dar: Er teilt mit ihm die ins Schwarze gekehrte Apotheotik der Gesamtverläufe. "Ex-Position" erstirbt den Kältetod. Der rote Vogel Fantasie im Stück hängt sich auf. Kagel teilt mit Strawinsky die asymmetrische Verfremdungstechnik, inzwischen sogar vieles an taktrhythmisehen, melodischen und klanglichen Verschiebungsverfahren. Sein Neoklassizismus, der sich fremdes Material entfremdend einverleibt wie die Badischen Choräle in "Ex-Position", aber auch die Charaktere von Unterhaltungsmusik, ist nur vielschichtiger in seinen auch gleichzeitigen Dimensionen, parametrisch und damit quasi seriell organisiert, entspricht aber Strawinskys Pergolesi- und Ragtime-Affinitäten. Nur – und das entspricht seiner inneren Logik – negiert er zugleich den seriellen Systemansatz.