Ob aus der Arbeiterstadt Linz auch eine Messestadt werden könnte – das war die Frage, die mancher sich vorlegte, als in der vergangenen Woche die Pop-Gruppe "Eela Craig" ihre "Missa Universalis" am oberösterreichischen Donau-Ufer zum erstenmal öffentlich darbot (die Platte liegt bereits vor – Philips 63 60 639). In kürzester Zeit waren die 1400 Plätze im großen Saal des so neuen wie würdigen Bruckner-Hauses ausverkauft, ein drittes Konzert mußte angesetzt werden. Die Medien waren so allgegenwärtig wie der Bürgermeister Hillinger, der die Rockmusikanten – wo gibt es das in unserer Bundesrepublik? zu einem Empfang in sein Rathaus bat und dessen basisnahe Liebenswürdigkeit beinahe vergessen machte, welche internen Diadochenkämpfe mit den konservativeren Anhängern der Bruckner-Gemeinde diesem rockigen Amen-Jubel voraufgegangen sein mögen. Das Bruckner-Fest, so wie es sich darstellt und wie es von offizieller Seite dargestellt wird, präsentiert nicht nur in lockerer Folge das sinfonische Werk des "Meisters von St. Florian": Es öffnet sich auch dem Nahestehenden und dem Randständigen. Am Abend vor der Pop-Messe hatte Birgit Nilsson am gleichen Orte die "teure Halle" begrüßt. Am Tag darauf sollte Axel Zwingenberger, einer aus Hamburgs begabter Boogie-Riege, hier seinem Hausgott Meade Lux Lewis huldigen.

"Eela Craig" – das ist ein reiner Phantasiename, ersonnen von Musikern, die immerhin so realistisch denken, daß sie den Sprung in das untiefenreiche Gewässer des Vollprofitums noch nicht riskieren. Zu siebt sind sie und fügen hinzu: "Eigentlich zu acht. Denn unser Tonmann, der am Mischpult den Sound nicht nur überwacht, sondern maßgeblich mitgestaltet, ist voll in die Gruppe integriert." Im Hauptberuf sind alle sieben Musiklehrer: Volkshochschule, Berufsschule, Privatstunden. Auch wenn es nicht immer ganz leicht ist, Urlaub für die Tourneen aus den Lehrplänen herauszuschnitzen – den Boden der bürgerlichen Tatsachen wollen sie vorerst nicht verlassen.

Ihre Anfänge reichen zurück bis an den Beginn der siebziger Jahre. Da kristallisierte sich aus dem reichen, für Außenstehende überraschend reichen Reservoir oberösterreichischer Rock- und Jazz-Musikanten eine erste Formation um Hubert Bognermayr, den zukünftigen Chef, einen mit Klangphantasie begabten Keyboard-Spieler. Der Baßgitarrist Gerhard Englisch und der Viel-Instrumentler Harald Zuschrader gehörten schon damals zum Stamm. Hubert Schnauer, ein leiser, freundlicher Pianist, der von der Klassik kommt und träumt, gesellte sich hinzu, und nach einigen Umbesetzungen war man komplett, hatte man auch schon sehr bald eine ganz eigene, sehr genau zu Land und Leuten, zu Florian-Stift und Stahlwerken passende Konzeption.

Auf Wohlklang und Elektronik gründet sie sich. Das Melodische und die klassisch abgesicherte harmonische Wendung beherrschen diese Klangwelt genauso wie der Sound des Synthezisers. "Ich will der Elektronik den Schrecken nehmen", erläutert Bognermayr, "sie muß nicht immer kalt und bedrohlich, sie kann auch warm und lyrisch klingen. Sie hat nicht schon von sich aus einen ganz bestimmten Ausdruck. Sie hat den Ausdruck, den man ihr gibt."

Diese Einsicht gab ihm den Mut, nach zwei Langspielplatten und einigen Deutschland-Tourneen mit Konzerten – und das ist typisch für das so überhaupt nicht ruppige Image der Truppe! in Opernhäusern und nicht in Rockscheunen, gemeinsam mit seinen Leuten die Komposition einer ganzen "Messe" im populären Idiom zu wagen.

Er ist der erste nicht, der in der Rockmusik die Möglichkeiten zu Ritualen entdeckt. Als Ende der sechziger Jahre sich der erste proletarische Wuppdich in psychedelischen Rauch auflöste, als man den Highway der Realität verließ und den Trip in nebelhafte Fernen antrat, als in San Francisco mit den Blumen auch die Drogen überreicht wurden – da erwachte bei den Musikern wie beim Publikum des Rock auch der Sinn fürs Sakrale. Die Gruppe Iron Butterfly, in Los Angeles beheimatet, lieferte 1968 mit den 17 Minuten von "In-A-Gadda-Da-Vida" – man trug damals fernöstlich – ein erstes Gesellenstück in magischer Monotonie. Die "Pink Floyd" zelebrierten vor asiatischem Riesen-Gong ihre ersten schwarzen Messen, sorgten wohl mit als erste dafür, daß die elektronischen Klangmixturen mit dem Odium des Bedrohlichen, mit der Aura des Entfremdeten belegt wurden. Die Jesus-Welle schwappte über, ließ den "Super-Star" auf- und wieder untergehen, beschwor sogar religiöse Gegenwelten herauf: Die Rolling Stories bekundeten ihre "Sympathy For The Devil", eine Gruppe nennt sich geradeheraus "Black Sabbath". Vieles ist Mode. Manches spiegelt aber auch in apokalyptisch angewehten Texten und in der aus Blues und Gospel herübergenommenen Riff-Technik etwas wider vom Kultcharakter der Rock-Musik, ihrer Helden und ihrer Hörer.