Von Hans Platschek

Simple Gemüter, an denen in der Kunstwelt weiß Gott kein Mangel herrscht, haben es an sich, einzelne Werke mit Identitätsausweisen zu verwechseln. Rodin, das ist ein für allemal der nackte Herr, der denkend den Kopf in die Hand stützt; Matisse ist jene Dame in Pluderhosen, die auf einer Ottomane liegt; Picasso, das ist der disneyhaft flötenspielende Faun in Antibes. Dieser Gemütszustand, ohne den, wie es scheint, die Kunstwelt um das bißchen Erkenntnisvermögen gebracht wird, das ihr verblieben ist, hat sich im Fall Meret Oppenheim als besonders fatal erwiesen. Denn über Jahr-, zehnte hinweg war die Oppenheim als Person, wenn es hochkam, ein Beiprodukt der früh schon legendär gewordenen Pelztasse, sofern sie nicht überhaupt neben dieser, von Fremdwortkennern als "surrealistische Inkunabel" bezeichneten Tasse in Vergessenheit geriet. Anstandshalber hätte die Oppenheim, um’s denen, die auf Kennmarken, ja auf Kainsmale aus sind, leicht zu machen, Rimbauds Schicksal wählen und wenn nicht aus der Welt, zumindest aus der Kunstwelt verschwinden müssen.

Nun hat besagte Tasse, "Déjeuner en fourrure" genannt, stets eine Schockwirkung ausgeübt, der man sich noch heute im Museum of Modern Art aussetzen kann. Die Tasse, unmißverständlich als Tasse dargeboten, ist zum Trinken da; mit Pelz überzogen, lenkt sie jedoch den Trinkinstinkt in ein ebenso instinktives Dilemma. Pelz nämlich als Haar im Mund setzt Sexuelles dort frei, wo es scheinbar um einen so harmlosen Zusammenhang wie Tasse & Trinken geht; Frühstück und Cunnilingus lassen sich nicht mehr auseinanderhalten. Am Ende sieht es so aus, als würde der Pawlowsche Hund in uns mitsamt seinen bedingten Reflexen in die Irre geführt, genauer: Die Reflexe geraten in ein Bedeutungsgefälle, dem beizukommen der Verstand seine Mühe hat.

Im Einvernehmen mit der Künstlerin hat Thomas Levy in Hamburg die Pelztasse nicht ausgestellt. Statt ihrer zeigt eine Fülle, ja, eine Überfülle von Bildern, Zeichnungen, Skizzen und Objekten, daß Meret Oppenheim mehr vorzulegen hat als einen einzigen Identitätsausweis. Gewiß, die Überfülle wirkt verwirrend nicht nur auf den ersten Blick. Man kann, um der Klarheit willen, die Ausstellung auf zweierlei Weise sehen: als eine Retrospektive, darin eine Menge Gemälde und Skizzen Auskunft geben über die verschiedenen Bildideen; man kann aber auch, die Pelztasse im Gedächtnis, darauf achten, ob sich bei den ausgestellten Stücken eine Schockwirkung einstellt. Meret Oppenheim ist im Wortsinn eine gegenständliche Künstlerin, weil es erstens Dinge sind, die sie gemalt zur Schau stellt, und zweitens sich oft die Dinge aus der Fläche, der Leinwand also, lösen. Ein Bild zum Beispiel, "Fisch schwarz/weiß", mit dem Untertitel: "Dort fliegt sie, die Geliebte", sieht wie ein plattgedrücktes Objekt aus. Einige eher dahin 41 geworfene Zeichnungen oder Collagen im Kleinstformat deuten die dritte Dimension an; so das aus einer Zeitung geschnittene Merinoschaf, das hoch, auf einen Sack gestellt, die Vorlage für den Jutesack mit Anthrazit und einen Rehschädel abgibt, der als "Die alte Schlange Natur" im Centre Pompidou steht. Nicht dann, wenn sie eine Idee illustriert, ist die Oppenheim am treffsichersten, sondern wenn sie in ihrem poetischen Fundbüro ans Werk geht.

Ein gutes, halbes Dutzend Objekte nimmt sofort die Aufmerksamkeit in Anspruch, weil es ähnlich der Pelztasse Reflexe und Instinkthandlungen erst einmal provoziert und sie dann stehenden Fußes anders verkettet, als der Instinkt es will. Nach wie vor spielen die ursprünglichen Funktionen eines Gegenstands die Hauptrolle, nur daß ein Brathuhn, wie ein jeder weiß, zum Essen da, brathuhnhaft überdies mit Papiermanschetten an den Keulen versehen, sich als Schuhpaar herausstellt und so den Appetit durchkreuzt. Ein Messer, zum Schneiden da, so handlich überdies, daß man sich etwas Küchenhafteres nicht vorstellen kann, weist links und rechts ein schon frisiert wirkendes Haarbüschel aus Hanf auf, in dessen Mitte, neckisch, wenn man will, vier bunt angemalte Knöpfe liegen. Das Haar ist weich und gefällig; es wirkt wie eine Zweitfrisur, die diesmal ironisch außer Kraft setzt, was ein Messer für gewöhnlich zu leisten hat. Dieses Objekt schockiert weniger als es eine Aufhebung vorführt, Klees Bildtitel entsprechend: Der Witz hat über den Leib gesiegt.

Natürlich sind solche Interpretationen überzogen, nur fehl am Platz sind sie nicht. So richtig es bleibt, daß, kaum jemand nach der Pelztasse greift, um daraus zu trinken, und kaum einer daran denkt, das Messer mit der Zweitfrisur in die Hand zu nehmen: Meret Oppenheim provoziert direkt und bringt damit Realitätsbezüge ins Spiel, die man sonst am liebsten verdrängt. Es zuckt einem, vor der Tasse oder vor dem Messer, buchstäblich in den Fingern, so weit, daß man sich selber beschwichtigen muß: das ist Kunst. Im Gegensatz zu Duchamp, der seine Gegenstände zwar in ein schiefes Licht rückte, gegen ihre Dinglichkeit jedoch nichts weiter unternahm; im Gegensatz auch zu Breton, der in "L’amour fou" der unschuldigsten Dingerscheinung etwas zubilligte, was man nur eine Epiphanie nennen kann, sind bei Meret Oppenheim die Dinge auf eine derart paradoxe Weise natürlich, daß man auf ihre Künstlichkeit setzt. Ein Kokon, in einem Kasten auf Blätter gelegt, ist ein Puppenkissen, in dem es, sobald man es in die Hand nimmt, puckert: es enthält Quecksilber.

Mit dem orthodoxen Surrealismus hat das nur insofern etwas zu tun, als fremde Materien als echt und echte Materien als fremd gelten und somit Verwirrung stiften sollen. Nichts aber wirkt, Lautréamonts Wunsch gemäß, deshalb beunruhigend, weil sich eine Nähmaschine und ein Regenschirm auf dem Seziertisch treffen. Heute weiß man, in welchem Maß ein solches Treffen in schönster Willkür vonstatten gehen kann, beunruhigend vielleicht nur Lautreamont zuliebe, denn die Nähmaschine, der Regenschirm und der Seziertisch sind für sich genommen brave und nützliche Dinge. Meret Oppenheim kombiniert nicht auf diese Weise: Sie kehrt die Dinge, die Tasse, das Schuhpaar, das Messer um, indem sie weniger mit Pelz und Haar das Ding selbst in Frage stellt, als unsere Spontaneität, mit den Dingen das zu tun, was uns die liebe Gewohnheit diktiert. (Galerie Levy bis 11. November, Katalog 30,– DM)