Sensible Polen leiden darunter, daß das Interesse der Deutschen an ihnen geringer ist als das der Polen an den Deutschen. Um so bewegender ist die ungewöhnliche Aufmerksamkeit, die der Oberhirte der katholischen Kirche Polens, Stefan Kardinal Wyszynski, über fünf Tage in der Bundesrepublik erfuhr – die Aufmerksamkeit für einen unbestrittenen Repräsentanten der polnischen Nation. Es war ein Besuch voller Würde, voller Symbolik und des guten Willens. Er zeigte, daß der europäische Katholizismus immer noch eine politische Kraft sein und geteilte Welten überwölben kann.

Die Begegnung mit den deutschen Bischöfen und mit deutschen Gläubigen in Fulda, München, Mainz, Köln und im ehemaligen, KZ Dachau hat die führende Gestalt des katholischen Polen mit einem Volk zusammengeführt, das erst heute wirklich bereit zu sein scheint, Polen als Brüder und Nachbarn anzunehmen.

Deutsche in Demut, also in jener Pose, die ohne Unterwürfigkeit abbittet – Willy Brandt vor dem Ghetto-Denkmal in Warschau, Julius Kardinal Döpfner im Warschauer Dom und Helmut Schmidt in Auschwitz, die jungen Deutschen in der Aktion Sühnezeichen und die Namenlosen an den Wegstationen des polnischen Primas in Deutschland –, sind für zunehmend mehr Polen Grund, jene Versöhnung zu gewähren, die wir nicht fordern, sondern nur erhoffen dürfen. Für die deutsche und für die polnische Nation ist Wyszynskis Besuch ein beglückendes Ereignis.

E. N.