Von Dieter Piel

Fast fünf Jahre lang haben sie eine Enttäuschung nach der anderen hinnehmen müssen, doch sie haben, sich, trotz allem, nicht unterkriegen lassen: Die Optimisten unter den Konjunkturpropheten in der Bundesrepublik wittern wieder einmal Morgenluft. Sie sitzen in der Deutschen Bundesbank und befinden, das "Konjunkturbild" habe sich "aufgehellt".

Sie regen sich, wenn auch noch zaghaft, auch im traditionell skeptischen Münchner Ifo-Institut, wo sie die Hoffnung nähren, die deutsche Industrie werde ihre Investitionen im kommenden, Jahr ähnlich stark wachsen lassen wie in diesem Jahr: um annähernd elf Prozent. Und auch dem Kieler Institut für Weltwirtschaft eröffnen sich "bessere Aussichten" auf jenen Aufschwung, der sich schon so lange verborgen hält.

Die Hoffnung, daß es mit der Wirtschaft in der, Bundesrepublik nun endlich bergauf gehe, findet mancherlei Belege. Die Automobilindustrie vermeldet eine fast atemberaubende Zunahme ihrer Investitionen: Dreißig Prozent mehr als im vergangenen Jahr; ihre Produktionskapazitäten sind praktisch zu hundert Prozent ausgelastet. Auf vollen Touren laufen auch die Bauwirtschaft und die Bekleidungsindustrie.

Privatkunden und Unternehmen fragen wieder mehr nach Krediten – vor allem einzelne Volksbanken und Sparkassen registrieren, wie schon vor gut zwei Monaten die Sparkasse Wuppertal, einen Anstieg der Zusagen an mittel- und langfristigen Krediten, wie es ihn seit der Währungsreform nicht mehr gegeben habe.

Dennoch: Nicht allerorten herrscht Zuversicht. Noch nicht einmal die Forschungsinstitute stimmen überein, denn zwischen den günstigeren Lagebeurteilungen der Experten in München und Kiel finden sich die merklich kritischeren vor allem des Rheinisch-Westfälischen Instituts (RWI) in Essen und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin: Beide erwarten, wenn auch mit unterschiedlicher Akzentuierung, von den neuerlichen Bonner Versuchen einer Konjunkturbelebung keine dauerhafte Wirkung; beide halten die Lage noch immer für labil.

Und auch die für die wirtschaftliche Entwicklung mitverantwortlichen Politiker der Bundesregierung und der sie tragenden Koalition, die noch vor zwei, drei Jahren dazu neigten, den Aufschwung herbeizureden und mit Unsachlichkeit zu reagieren, wenn er ihren Lockungen widerstand – sie halten sich mit ihren Urteilen stark zurück. So erwartet man im Bundesfinanzministerium, in mutigem Kontrast zum Frohsinn der Bundesbank, allenfalls "eine gewisse Stabilisierung". Und das Bundeswirtschaftsministerium mag noch immer nur eine "leicht gebesserte Lage" diagnostizieren – zu wenig, um schon von einem nachhaltigen Aufschwung sprachen zu können. Für diese Skepsis gibt es, mögen auch einzelne Signale aus der Wirtschaft ermutigend klingen, mindestens drei triftige Gründe.