Von Willi Bongard

Auch am Freitag, war das Geschehen an der Kölner Kunst-Börse von einer abwartenden Haltung geprägt. Obwohl sich der Dollar auf leicht erhöhtem Niveau stabilisieren konnte, fehlte es – wie schon an den Vortagen – an Kaufbereitschaft. Zu den wenigen Standard-Werten, für die Interesse bestand, gehörten Rauschenberg, Lichtenstein und Hockney. Colour-Field-Werte zogen unter Schwankungen leicht an. Schwächer notierten Minimal- und Conceptwerte; lediglich LeWitt erzielte unter dem Eindruck einer überraschend positiven Rezension in der Londoner Times kleine Gewinne. Heimatwerte wie Janssen und Meckseper blieben weiter vernachlässigt. Graubner verbesserte sich leicht, nachdem im Börsenverlauf bekannt wurde, daß das Kölner Ludwig-Museum ein erstes Bild von ihm erworben hat. Der "art aktuell"-Index (30 führende Nachkriegswerte) fiel auf 1800 (1960 = 100). Von den gehandelten 120 Kunst-Titeln lagen zwanzig höher, siebzig unverändert und dreißig niedriger. Der Umsatz betrug knapp eine Million Mark."

Ein Börsenbericht wie dieser wird wohl nie in den Wirtschaftsteilen der Tageszeitungen erscheinen. Zwar gibt es an der Fassade des Kölner Galeriehauses in der Lindenstraße seit Jahren schon ein Schild mit dem kessen Hinweis auf eine "Kunst-Börse"; wer sich aber daraufhin Hoffnungen machen und bis zur entsprechenden Etage vordringen sollte, der sieht sich enttäuscht – oder auch getäuscht. Weder die Räumlichkeiten noch die Usancen, die dort herrschen, haben auch nur das geringste mit jenem Treiben zu tun, wie wir es von Wertpapierbörsen kennen. Was ein erfahrener "Börsianer" hier zuallererst vermissen wird, ist eine Kurstafel. Es gibt nicht einmal einen Kurszettel mit laufenden Notierungen. Abgesehen davon, daß die (Kommissions-)Geschäfte, die hier gemacht werden, mit der gleichen Diskretion – und zu den gleichen Bedingungen – abgewickelt werden wie in anderen Galerien auch, würde sich eine laufende Kursanzeige auch kaum lohnen. Denn

  • es kommt an dieser "Börse" nur sporadisch zu Geschäftsabschlüssen,
  • die Preise für einzelne Kunstwerke sind kaum vergleichbar, und dies
  • selbst dann nicht, wenn es sich um Werke ein und desselben Künstlers, gleichen Formats, gleicher Technik, gleichen Entstehungsjahres, gleichen Erhaltungszustands und gleicher Provenienz handeln sollte.

Während eine Siemens- oder VW-Aktie genauso gut (oder schlecht) ist wie eine andere Siemens- oder VW-Aktie, ist ein Hockney oder Warhol noch lange nicht so "interessant" wie ein anderer Hockney oder Warhol, schon gar nicht vom Standpunkt der Kapitalanlage.

Ein Kaufauftrag für eine Mannesmann- oder Hoechst-Aktie läßt sich ohne weiteres blind erteilen, und man kann sicher sein, daß ein solcher Auftrag in Sekundenschnelle abgewickelt wird. Doch der Banause müßte wohl noch geboren werden, der – womöglich per Telephon – einen Rauschenberg ("Wie bitte? Was für einen denn und in welcher Preislage etwa?") oder Oldenburg ("Möchten Sie nicht doch lieber mal vorbeikommen und sich was anschauen?") fordern würde.

Ein so erfahrener Kunsthändler wie Kahnweiler mußte denn auch auf eine entsprechende Frage gestehen: "Ich habe in meinem ganzen Leben als Kunsthändler ... keinen Menschen kennengelernt, der ein reiner Spekulant gewesen wäre; ich sehe auch schwer ein, wie das möglich sein könnte."